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Tilia Malves

Auf dem großen Platz vor dem Palast verabschiedeten sich die Frauen von ihren Männern. Einige weinten bei diesem Abschied, für andere war dies bereits zum Alltag geworden. Wohin die Krieger gingen? Sie zogen nicht etwa in einen Kampf, nein, sie zogen aus um an Land an einem Markt teilzunehmen und traurigerweise konntendie Händler niemals allein dort hin, die Gefahr war einfach zu groß. Mein Vater war nicht unter ihnen, wohl zogen aber andere meiner Familienmitglieder aus, um ihren Dienst zu leisten und ihr Volk zu beschützen. Trotzdem war ich nicht unter den winkenden. Ich kümmerte mich auch nicht um meine Geschwister. Nein, ich hatte einen Plan und würde ihn endlich in die Tat umsetzen. Schon früh am Morgen, der Mond hatte immer noch klar über uns gestanden, hatte ich einige Sachen in meine Algentasche zusammengepackt. Unter ihnen waren ein paar kleine Kristalle, meine Perlen, ein Fläschchen mit leicht leuchtendem Inhalt, ein kleines Messer, sowie etwas geknüpftes Tau, ebenfalls aus Algenseide gewoben. Während nun der Großteil unseres Volkes auf dem Platz versammelt war, lag ich am äußersten Rand unserer Stadt auf der Lauer. Meine Beine umhüllte eine Stoffhose, meinen Oberkörper ein Hemd, wie es unsere Krieger trugen. Etwas zu wider war mir auch die silberne Rüstung, die schwer und unangenehm eng meinen ganzen Körper umschloss, noch unter der Kleidung um nicht sichtbar zu sein. Mein Kopf war von einem Helm umschlossen, der meine Haare verdeckte und mein Visier war heruntergeklappt. Ich hatte mir alle Mühe gegeben, wie unsere Krieger auszusehen und war ganz zufrieden mit dem Erfolg, ich würde nicht weiter auffallen. Um dieses Ergebnis zu erzielen hatte ich oft geübt, ich wusste wie unsere Krieger aussahen, doch war es schwer, an die einzelnen Stücke zu kommen, allerdings nicht so schwer, wie an Waffen zu kommen, doch heute hatte ich eh keine mitnehmen wollen. Meine Tasche hatte ich mir um die Hüfte gebunden und die einzige Kette die ich noch trug, lag direkt auf meiner Brust, unter all den anderen Schichten. Ich spähte um einen Felsvorsprung herum, doch noch war niemand in Sichtweite. Ich atmete einmal tief durch und presste mich enger an den kühlen Stein. Um mich herum war es finster, erst sehr weit oben wurde es heller. Unsere Stadt lag tief unter dem Meeresspiegel, so tief, dass uns nie jemand finden würde, zumindest war dies die Absicht gewesen. Trotz der Finsternis wagte ich es nicht auch nur das kleinste bisschen Licht zu offenbaren und warf noch einen prüfenden Blick auf meine Tasche, ob sie auch ja gut verschlossen war. Ich beabsichtigte nicht, schon frühzeitig gesehen zu werden. Anders ging es allerdings unseren Kriegern, denn als ich noch einmal aus meinem Versteck hervor spähte, erblickte ich endlich die Lichter, die sich in einem gleichmäßigen Tempo auf mich zu bewegten. Ich duckte mich tiefer in die Schatten und wartete, dass sie mich passiert hatten, dann schloss ich mich ihnen an. Es grenzte fasst an ein Wunder, dass keiner von ihnen mich gesehen hatte, doch würden sie sich jetzt umblicken, würden sie nichts merkwürdiges daran finden. Die Rüstung ließ meinen Körper breiter erscheinen und ich hatte von Natur aus die richtige Größe, sie würden mich für einen von den ihren halten, davon war ich überzeugt. Unsere Gruppe schwamm sicherlich noch eine halbe Stunde am Grund entlang, bevor wir bemerken konnten, dass sich der Boden anhob. Hätten wir nicht diese Kleidung tragen müssen, wäre es sicher viel schneller gegangen, da wir so auch unsere Flossen hätten zum Einsatz bringen können, doch so war da nichts zu machen. Um nicht noch mehr tragen zu müssen, hatten einige der Krieger an diesem Außenposten unserer Welt bereits am Vortag die nötigen Waffen deponiert. Mir kam dies nur zu Gute, da ich so ebenfalls eine von ihnen bekam, zumindest in meiner Vorstellung. Leider hatte jemand schlaues die Waffen zuvor abgezählt, weswegen für mich keine von ihnen übrig war, was ebenfalls niemandem aufzufallen schien, da ich mich als letzte hatte ausrüsten wollen und mir eines der Netze so umgebunden hatte, dass es verdeckte, dass kein Schwert an meine Hüfte hing. Wie gerne hätte ich doch gerne eines getragen, nur ein einziges Mal! Doch sicherlich würde ich irgendwann einmal die Gelegenheit dazu finden, ganz bestimmt. Unsere Prozession folgte dem Sand und führte uns nun immer rascher ins Licht. Als wir endlich die Oberfläche durchstießen, sog ich gierig die frische Luft ein, doch wir hatten offenbar nicht die Zeit, anzuhalten, weshalb sich unsere Weg rasch fortsetzte. Sobald wir festen Grund unter unseren Füßen spürten, hoben alle gleichzeitig die Hand. Wasser flog durch die Luft, zurück ins Meer. 15 plus 1 trockener Krieger machten sich auf den Weg zum Markt.

Lovelian Aranath

Vogelgesang.. Viele Stimmen des gleichen Tons weckten mich langsam aus meinem nur wenig erholsamen Schlaf. Voller Energie und Neugier auf den erst kürzlich angebrochenen Tag - so hektisch und ungestüm - und das trotz ihrer sanften und verletzlichen Natur, vernahm ich sie an meinem halbwachen Gehör Meine Augen blieben geschlossen und mein Körper war stiller als im Schlaf. Mit wachsendem Bewusstsein, wurde das ausgezehrte Gefühl in meinen Schultern präsenter und damit die Erinnerung an meinen aussichtslosen Versuch, viele, viele Meter unterhalb der Baumkronen, auf Wurzeln und dornigem, abgestorbenem Geäst, angenehm zu ruhen.

Vor meinem vollen Erwachen, sah ich mich selbst in tiefer Dunkelheit, umgeben von der einmaligen Schwärze des Waldes, inmitten einer vertrauten Art von Stille, die mir - selbst als Teil meiner Heimat - bloße körperliche Starre vermitteln konnte, wenn ich mich der Illusion einer ernsthaften Gefahr voll und ganz hingab. So etwas passierte mir natürlich nur höchst selten. Aber von der Dunkelheit, die sich in der Erinnerung ausbreitete, war nur noch ein fernes Schimmern in der Mischfarbe der Morgendämmerung zu vermuten, als ich langsam, aber stetig die Augenlider öffnete. Der Himmel, den ich durch das Blattwerk erahnte, war blau und schien kalt, aber er zeigte Ansätze des hellen Erwachens eines morgendlichen Scheins, der bald im Aufgehen der Sonne voll und ganz erblühen konnte.

Schwermütig richtete ich meinen Oberkörper auf. Ich lehnte nicht mehr an dem Baumstamm, so wie ich in der Nacht zuvor eingeschlafen war. Die kühle Luft trug Nebel und Feuchtigkeit in den Wald, ich fühlte, wie sich meine steifen Hände erwärmten, als ich die Finger anwinkelte und streckte, um die Starre aus meinen Gelenken zu verbannen. Ich setzte mich auf und blickte auf sie hinunter. Meine blasse Haut war von einem bläulich-violettem Mosaik durchzogen. Nicht sonderlich schön, wenn ich ehrlich zu mir selbst war. Warum bin ich nochmal hier? Endlich stellte ich mir die Frage. Ein kurzer Blick in mein Gedächtnis reichte, um mich an meinen unendlichen Starrsinn zu erinnern. Am späten Nachmittag hatte Lehrmeister Malion mich weiterhin im Übersetzen alt-elfischer Schrifttafeln unterrichten wollen. Dafür hatte er mich zu den Tempelruinen östlich unseres Wohnkomplexes geführt. Wir hatten bis zur Abenddämmerung die bestehenden Mauern studiert. Danach stand es Malion im Sinn, umzukehren und am nächsten Tag weiterzumachen. Ich hatte keine Einwände gehabt, bis ich diesen Eingang fand. Es war eine Steinplatte im Fundament, die sich mit mittelmäßigem Kraftaufwand hatte verschieben lassen. Mein Fokus hatte sich ab diesen Moment nicht mehr nach Hause richten können. Malion, der seinen Schüler zu gut kannte, als dass er sich die Mühe machte eine Diskussion zu beginnen, machte wortlos kehrt. Ja, er setzte mich nicht einmal von seiner Abwesenheit in Kenntnis und wahrscheinlich, so mutmaßte ich, hatte er dieses schadenfrohe, aber auch hoffnungslose Glimmern in den Augen, als er mich mit seiner "Entdeckung" allein zurückließ. Wahrscheinlich wusste er bereits, dass es hier absolut nichts Besonderes zu sehen gibt, sinnierte ich und rappelte mich endlich auf. Im dämmrigen Licht erkannte ich klare Formen. Eine finstere Öffnung gähnte mich an; der Tunnel, durch den ich hierhergekommen war. Es war ein unterirdischer Gang, der Teil des alten Tempels gewesen sein musste. Auf den ersten Blick vollkommen sinnlos in sich verschachtelt, führte er nach mehreren Ecken und Biegungen durch einen Steinbruch ins Freie. Bis ich es zum Ausgang geschafft hatte, war es jedoch so dunkel gewesen, dass ich zwei Meter vor mir nichts weiter hatte erkennen können. Und so hatte ich mich dazu entschlossen, bis zum nächsten Morgen an Ort und Stelle zu warten, um die Gegend zu untersuchen, ohne zuvor mit leeren Händen zu meinem Lehrmeister zurückzukehren, der gerne mal den ein oder anderen Triumph auskostete. Auch in diesem Punkt versicherte ich mir, dass es mich eigentlich nicht kümmern sollte. Ich drehte mich ein paar Mal um mich selbst und nahm meine Umgebung ins Visier - und stellte fest, dass ich mit meiner Vermutung leider nicht ganz falsch gelegen hatte. Hier war nichts - nichts, außer die dicht belaubten Bäume, die ich immer und überall zu sehen vermochte und nichts außer einer unheimlich klaren Quelle, die in der Nähe des Steinbruchs entsprang. Nichts, nichts, nichts. Ich stieß meinen Atem durch die Nase aus. Natürlich stand es mir frei, einfach weiter zu gehen und zu hoffen, dass sich die Spur weiterer Hinweise zu einer neuen Entdeckung fortsetzte, aber wäre das nicht einfach nur blinder Trotz? Ich entschied mich dagegen und kehrte um. Die Farben des Himmels hatten schon auf dem Weg stetig gewechselt und nun hauchte das Licht dem Wald das Leben des Tages ein, während das der Nacht weiterhin schwand. Das matte Orange war nur halb so schön am Boden wie es in den Baumkronen der riesigen Laubbäume anzusehen war. Viel Licht wurde bereits in den oberen Blattschichten absorbiert. Vereinzelt taten sich kleine Öffnungen in der Laubdecke auf, besonders, wenn der Wind stärker wehte als sonst. Ich trat in die Öffnung des Baumstamms und kletterte die Leiter hinauf. Von oben regneten bereits die ersten Stimmen auf mich herab. Der Lärm erreichte nie das Höchstmaß an Lautstärke, die ich in der Lage war mir vorzustellen, und dennoch hatte ich ab und zu den Eindruck, jedes einzelne Mitglied hatte zu ein und derselben Sekunde den unbändigen Drang, seine Gedanken von der Verschlossenheit des Verstandes zu befreien und sie in die Welt hinauszubefördern. Oder ich hatte wirklich keine Vorstellung davon, was "laut" war. "Lovelian." Als ein bekannter Jemand mich ansprach, noch ehe ich die Plattform mit beiden Füßen berührte, zuckte ich unwillkürlich zusammen und seufzte dann ermüdet auf. Hatte ich mir etwa durch meine Abwesenheit über Nacht Ärger eingehandelt? Ich hatte mir nicht einmal eine Erklärung zurechtgelegt, aber mir blieb auch gar nicht die Zeit, über die Richtigkeit meiner Worte zu grübeln, als ich erneut aus meinen Gedanken gerissen wurde. Ich hatte nicht einmal Zeit, mich von selbst über die hölzerne Kante zu schwingen, als Malion mich aus eigener Initiative heraus an beiden Armen packte und mir eine schwungvolle, schnelle Ankunft bescherte. Ich fing gerade mein Gleichgewicht, als Lehrmeister Malion von rechts erneut in mein Blickfeld trat und mir mit einem freundlichen Schlag auf den Rücken bedeutete, ihm zu folgen. Die einzelnen Plattformen - hölzerne Fundamente , die im Zentrum der Baumkronen errichtet und frei von jeglichen Ästen und Blättern waren, sodass das Leben über dem Boden ohne Hindernisse möglich wurde - waren über Brücken miteinander verbunden. Der Baum, der inmitten des Komplexes wiederum das Zentrum bildete, besaß mit Abstand das größte Fundament und war mit jeder kleineren Plattform über besagte Brücken verbunden. Und genau diesen Baum strebte Malion an. Ich erahnte, was sein angestrebter Zielort womöglich zu bedeuten hatte - und ich wusste nicht, ob es mir gefiel. Was könnte der Clanälteste wohl wollen? Stirn runzelnd folgte ich Malion - mit regelmäßigen Stößen von meinem Lehrmeister, dem meine Schrittgeschwindigkeit heute etwas zu gemächlich zu sein schien - und machte kurz hinter der Brücke halt, als der ältere Elf mir bedeutete zu warten. Ich ließ meinen Blick schweifen. Die starken Äste räkelten sich wie kunstvoll geformte Gitterstäbe um die Plattform inmitten des größten Baumes meiner Heimat. Das Licht erleuchtete hier heller und klarer als auf jedem anderen Baum des Komplexes und ich bemerkte, dass sich der Abstand der Äste mit zunehmender Höhe ausweitete und die Lücken in der Blätterdecke die Sonne das Zentrum fluten ließ.

"Lovelian?" Ich erwachte, nun schon zum dritten Mal, aus meinem Tagtraum, aber es war nicht Malions Stimme, die ich dafür beschuldigen konnte. "Meister?" Ich spürte, wie sich meine Gesichtsmuskeln versteinerten und erst nach einem langsamen, deutlichen Nicken, entspannte ich meine Mimik und starrte ich den Ältesten fragend an. Dieser erwiderte seinerseits das Nicken und drehte mir den Rücken zu. Seine Schritte führten ihn zurück zur Mitte der Baumkrone und ich deutete dies als Zeichen, ihm dorthin zu folgen. Als der Älteste sprach, sah er mich nicht an, und ich musste unwillkürlich schlucken. Was hat das alles zu bedeuten? "Ich habe eine Bitte an dich, Lovelian." Überraschung spülte meine Befürchtungen vorerst davon. Ich spitzte die Ohren. "Ich möchte nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen, da es recht dringend ist. Also machen wir es kurz: Es geht um einen Gegenstand, der einem unserer Boten überbracht wurde. Er hält sich in der menschlichen Siedlung nahe unseres Gebietes auf und ist, wie wir über mehrere Umwege erfahren haben, durch einen unglücklichen Umstand verhindert, hierher zurückzukommen. Er sitzt fest und jemand muss den Gegenstand von ihm abholen. Der Grund, warum ich dich danach frage: Es betrifft dich persönlich. Der Gegenstand kommt von deinen Eltern und Serren versicherte mir, dass er die Siedlung so schnell wie möglich verlassen sollte. Mehr konnte er mir leider zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Da ich nicht keine weiteren Möglichkeiten habe, die momentane Lage genauer zu beurteilen, bevor du gehst, wird Malion dich begleiten." Der Älteste vollführte nun eine sehr würdevolle Drehung und es passte in das gesamte Bild, das er vermittelte, dass er das Kinn nun minimal anhob und seine Augen in seinem Stolz und seiner stillen Sorge aufblitzten "Es ist eine Bitte, Lovelian. Du bist nicht daran gebunden. Es ist kein Auftrag, aber ich wünsche es mir, um die Sicherheit deiner Eltern zu garantieren und womöglich deine eigene. Sei vorsichtig.. und geh mit Hal." Und so finde ich mich wohl das erste Mal in wahrhaft menschlicher Gesellschaft wieder, dachte ich voller Skepsis, als ich mich mit Malion durch die vollen, engen Straßen menschlicher Zivilisation zwängte. Das Stirnrunzeln hatte mein Gesicht seit dem Gespräch mit dem Ältesten nicht verlassen.

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Die Stadt lag noch ein ganzes Stück entfernt, da wir aus Sicherheitsgründen einigen Abstand zwischen uns und die Stadt gebracht hatten, um nicht zu verraten wo wir her kamen. Mir kam das ziemlich sinnlos vor, da wir von unserer Heimat ja auch nicht den direkten Weg zum Strand genommen hatten, aber ich hinterfragte es nicht. Die Menschensiedlung zu der wir unterwegs waren, trug den Namen Amnis und lag am Fluss Pyuaki, so viel wusste ich. Vermutlich war ihre Lage auch einer der Gründe, warum unsere Ältesten diesen Markt als einzigen noch erlaubten, weil die Stadt selbst zahlreiche Flussläufe beinhaltete, die auf verschiedenen Wegen ins Meer zweigten. Wir konnten uns also im Ernstfall verteidigen und hatten immer einen Fluchtweg, sehr clever. Nachdem wir eine Weile gegangen waren, stießen wir auch auf einen der Flussausläufer. Wir durchquerten ihn und auf der anderen Seite fanden wir einen Pfad vor, dem wir von hier an folgten. Ich lief irgendwo in der Mitte der Gruppe, vorne unser Anführer, um mich herum die eigentlichen Verkäufer auf dem Markt, die ihre Waren in großen Körben auf dem Rücken trugen und hinten wieder Krieger, die ein Auge auf alle hatten. Auf der anderen Flussseite war einer unserer Späher zurückgeblieben und etwas voraus gelaufen, wie auch einer auf unserer Seite. Sie würden uns frühzeitig vor Gefahren warnen, doch hier am Fluss waren wir eigentlich sicher. Besonders interessierten mich unsere Krieger allerdings nicht, die konnte ich jeden Tag sehen. Nicht abwenden konnte ich meinen Blick hingegen nicht von der ganzen Landschaft um uns herum. Ich war schon häufiger an Land, meistens zum Trainieren, allerdings hatte ich da selten mehr als unseren Strand gesehen. Ich war noch nie in einem Wald gewesen, war noch nie über eine Wiese gelaufen, hatte noch nie Berge gesehen. Natürlich kannte ich diese Landschaften alle, ich konnte schließlich lesen und im Palast waren einige eindrucksvolle Gemälde ausgestellt. Einen Wald hatte ich selbstverständlich auch von unserem Strand aus gesehen, doch hatte ich mich nie hineingewagt. Zu oft hatte ich die Geschichten gehört, schreckliche Geschichten, die man uns von klein auf erzählte. So manche Nacht hatte ich wach gelegen, bei dem Versuch, mir diese fremde Welt an der Oberfläche vorzustellen und so manchen Albtraum hatte sie mir beschert. Unser Volk gehörte nicht mehr in die Oberwelt, für uns war es dort nicht länger sicher, besonders nicht für eine Frau oder ein Mädchen, besonders nicht für mich, wie man mir schon früh klargemacht hatte. Ich war zu süß, zu schön oder wie auch immer sie es formulierten. Eigentlich war gutes Aussehen ja etwas positives, doch fühlte ich mich damit mehr und mehr gestraft. Wäre ich ein Junge gewesen, hätte ich mit Waffen trainieren dürfen. Wäre ich ein Junge gewesen, hätte ich mich nicht verstecken müssen. Wäre ich ein Junge gewesen, hätte ich mich nicht verstellen müssen. Ich setzte zwar alles daran, alles auszuleben wonach mir der Sinn stand, doch musste ich dies stets im Verborgenen tun, verbunden mit einem hohen Risiko. Ich seufzte leise bei diesen Gedanken. Wie konnte man nur so viel Pech haben? Wieso konnte ich nicht einfach wie die anderen Mädchen sein, ohne irgendein Interesse an ungehörigen Dingen, ohne den Wunsch, mehr zu sehen als die Meere. Ich wollte unter der Sonne aufrecht gehen, laufen, springen, klettern, tanzen! Über Felder, Hügel und durch Täler! Leider war dies nicht meine Rolle, eigentlich. Doch als ich mich jetzt umsah, war es anders. Ging ich nicht gerade? Führte mich mein Weg nicht in eine andere Welt? Auf diesen Moment hatte ich so lange gewartet, den heutigen Tag würde ich einfach nur genießen! Und was sollte mir schon passieren? Alle Gefahren waren gebannt, ich hatte schließlich 15 Krieger an meiner Seite! Während wir weiterhin dem Fluss folgten, wurden die merkwürdigen unbekannten Bäume am Rand zunächst mehr, dann wieder weniger und schließlich verbreiterte sich unser Weg immer mehr, bis er förmlich zu einer Straße wurde. Ich erkannte das erste Haus, es war einfach gebaut, mit einer Holzverkleidung und einem niedlichen Schornstein, der kleine Wölkchen ausstieß. Vor der Tür spielten zwei Kinder mit Steinen. Während wir an ihnen vorbeiliefen, konnte ich mich nicht einen Moment von ihnen abwenden, allerdings richteten sie beim ersten leisen Scheppern unserer Rüstungen den Blick ebenfalls auf uns und ihre Kinnladen fielen herunter. Einer von ihnen starrte ehrfürchtig auf meinen Helm, der andere wich vor uns zurück und presste sich an die Tür. Hatten sie etwa noch nie eine Rüstung gesehen? So klein waren sie doch nun wirklich nicht mehr! Doch vielleicht kamen sie auch nicht oft nach draußen, überlegte ich. Vielleicht war es ihnen nicht, wie mir, gestattet allein die Stadt zu erkunden und sie waren gezwungen, häufiger im Haus zu bleiben? In den Geschichten hieß es, dass viele der Menschen äußerst gewalttätig waren und auch Kinder schlecht behandelten, sogar ihre eigenen. War das vielleicht der Grund? Weitere Menschen kamen an uns vorbei, sie alle blieben stehen oder warfen uns hinterrücks neugierige Blicke zu, unter ihnen allerdings auch immer mehr Erwachsene. Was war denn hier los? Und mit einigem Erstaunen fiel mir nun auch auf, dass keiner von ihnen in Rüstung erschienen war, doch war auch unsere unter unserer Kleidung verborgen. Nur der Helm war auffällig, beziehungsweise die Abwesenheit der Helm bei den Menschen war auffällig. Trugen sie denn keine? Und wenn ja, warum nicht? Sie waren zwar weniger in Gefahr als wir, doch bei einem so blutrünstigen Volk wie den Menschen würde man doch meinen, dass sie sich schützen wollten! Allerdings, jetzt wo ich mich umsah, entsprachen sie gar nicht meiner Vorstellung. Niemand funkelte uns böse an, niemand machte auch nur den kleinsten Versuch, sich uns zu nähern. Stattdessen las ich etwas in ihren Augen, dass mich mehr als überraschte. War das Furcht? Furcht vor uns? Ich war einen Moment erstarrt, sodass der Krieger hinter mir mit mir zusammenstieß. Ich nuschelte eine Entschuldigung und setzte mich wieder in Bewegung. Ich sah mir den Krieger vor mir an, der Helm bedeckte seinen gesamten Kopf und sein Visier war heruntergeklappt, ein Schwert baumelte an seiner Taille. Bei jedem seiner Schritte klimperte ein wenig seine Unterrüstung. Ein Krieger, wie ich ihn schon oft gesehen hatte, doch jetzt wo ich die Menschen hier sah, hielt ich diese ganze Kostümierung für unnötig. Mit welchen Gefahren hatten sie eigentlich hier gerechnet? Die Leute hier sahen nicht aus, als könnte oder wollten sie uns irgendwas antun, sie trugen ja noch nicht einmal Waffen, zumindest keine sichtbaren. Ich fühlte mich etwas schlecht für unser Auftreten. Man zollte uns Respekt, doch waren wir doch eigentlich in friedlicher Absicht hier. Stattdessen wich man vor uns zurück und hielt einiges an Abstand.

Trotzdem danke ich auch unserer Kleidung, denn sie hatte es mir ermöglicht, unbemerkt nach Amnis zu gelangen, denn sie hatte mich vollständig verschleiert. Wir gingen weiter, folgten weiterhin dem Fluss in Sichtweite. Neben uns wurden die Häuser dichter und plötzlich traten wir auf einen großen Platz hinaus, gefüllt mit Menschen. Ich hatte ihren Lärm schon von weitem gehört, doch so nah dabei zu sein war etwas ganz anderes. Ich blickte mich um, hätte mich am liebsten mehrfach im Kreis gedreht um alles zu erfassen. Leute tummelten sich hier, feilschten munter um irgendwelche Waren oder standen gemeinsam und unterhielten sich. Ich konnte von hier aus mindestens fünf Querstraßen erkennen, über die sich der Markt zog. Um uns waren junge Menschen, alte Menschen, aber auch andere... Ich konnte nicht genau sagen, was einige dieser Wesen hier waren, nur ihre eindeutige Andersartigkeit. Wir gingen weiter zu einer freien Ecke, an der unsere Händler ihre Waren aufbauten, unter Aufsicht der Krieger. Ich begann gerade, mich zu fragen ob sich überhaupt jemand an unseren Stand wagen würde, allerdings war dies nicht mein Problem. Ich schloss mich einer Delegation an, die loszog um gewisse Einkäufe zu tätigen. Auf unserem Weg hielt man respektvollen Abstand oder ging uns gleich aus dem Weg. Als wir um eine Biegung in eine der Querstraßen gingen, sah ich mich kurz um und machte einen Hechtsprung zur Seite um mich hinter einigen Kisten mit irgendwelchem Obst zu verstecken, dann wartete ich ab, bis die Krieger aus meinem Sichtfeld verschwunden waren und nahm einen anderen Weg, auf dem ich prompt mit jemandem zusammenstieß.

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Die gepflasterte Straße, die Lehrmeister Malion und ich - trotz erschwerter Kommunikation in diesem Chaos aus Geräuschen verschiedenster Ursprünge - betreten hatten, hatte auf den allerersten Blick versprochen, uns einen Weg zu dem angestrebten Marktplatz zu ermöglichen, ohne zuvor, durch die Masse reger und hektisch aneinander vorbeistreifender Körper, sämtliche Blutergüsse und Quetschungen zu erleiden Die Erwartung wurde knapp zehn Meter weiter enttäuscht, als die Straße sich mit einer schmaleren Gasse kreuzte und dem Fluss der Handeltreibenden von links nach rechts und vorn und zurück reichlich Leben einhauchte. Ab diesem Punkt führte ich mir deutlich vor Augen, wie ich mehr oder weniger an der Lebensgemeinschaft einer anderen Spezies teilnahm, deren Gewohnheiten an jenen eines Ameisenhaufens erinnerten. Nur nicht ganz so strukturiert, vermutlich. Ich musste zugeben, dass man über Nerven aus Stahl verfügen musste, um den Großteil seines Lebens hier zu verbringen. Noch nie hatte ich mich so empfänglich gegenüber Stressempfinden gefühlt, jedoch war es die Erfahrung definitiv wert. Die Häuserreihen rückten näher, als ich ihre vielen Spitzen studierte, einzelne Dächer, soweit ich das beurteilen konnte. So kam es mir zumindest vor. Und nicht nur das, die Höhe der Wände verursachten leichte Drehungen meines Blickfeldes, dabei empfand ich es als überaus befremdlich, dass mich das Schwindelgefühl ereilte. Ich lebte auf Bäumen, die teilweise doppelt so hoch waren wie die menschlichen Wohnbauten, und dennoch löste ihr Anblick ein loses Schwirren in meinem Kopf aus, etwas, das wohl wenigstens mit dem Konzept eines Schwindelanfalls verwandt sein musste. Vielleicht war es auch nur eine Erscheinung des Gesamtbildes, das neben meinem visuellen Eindruck der Straßen auch von starken akustischen Reizen abhängig war. Raue und kehlige Ruflaute der einfachen Arbeiter, plötzlich schallendes Lachen, nervige Kinderschreie, helle Frauenstimmen, das Ächzen der Räder unter schwer beladenen Karren, das Zuschlagen von Fenstern und Türen, Borsten von Besen, die über den Boden kratzten - etwas Konzentration genügte, um einzelne Geräusche herauszufiltern. Während meine Aufmerksamkeit meinen Beobachtungen erlag, hatte ich außer Acht gelassen, dass ich kaum vorankam. Tatsächlich stand ich inmitten der Massen, die mich nun nicht mehr trugen, sondern an mir vorbei strömten, wie Wellen, die um einen Felsen schlugen. Von den paar skeptischen Augenpaaren, die mich begutachteten und mich fünf Meter weiter schon wieder vergaßen, und den überraschenden und empörten Ausrufen und Flüchen jener, die wegen mir anhalten oder kleine Umwege gehen mussten, sich in meiner Nähe in andere Körper drängten und mir leichte Stöße verpassten, bekam ich nicht viel mit. Und so verlor ich letztendlich auch den Anschluss zu Malion. Dass er nicht mehr an meiner Seite war, wurde mir jedoch erst bewusst, nachdem mich ein harter Stoß - weitaus kräftiger als die vorherigen - beinahe ordentlich umgehauen hätte, wäre ich nicht rückwärts gegen einen stämmigen Arbeiter gestolpert, dessen Körper vom Schleppen schwerer Baumaterialien ausreichend ausgebildet zu sein schien. So war es ein Leichtes für ihn, mich vor meinem Fall zu verschonen, wenn auch nur unbeabsichtigt; zumindest bis er mit einer aufgebracht gekläfften Beleidigung in einer von einem starken Akzent belegten Menschensprache - ich empfand dies als eine wahrhaft unkontrollierte Reaktion seinerseits - zur Seite trat und das Gewicht der mit mir kollidierten Person mir allein überließ. Mein Gleichgewicht schwand innerhalb eines Sekundenbruchteils und ich stürzte kurzerhand zu Boden. Ein Raunen wühlte die Menge in unmittelbarer Nähe auf. Ich erkannte nur aus dem Augenwinkel, wie einzelne Beinpaare zum Stehen kamen, jedoch nie für sonderlich lange Zeit. So ein Missgeschick war wohl amüsierend, aber sicherlich keine Seltenheit. Es wunderte mich überhaupt nicht, dass man sich selbst in solch einer Gegend von Zeit zu Zeit von seinem Tatendrang und seiner Hektik derart überwältigt fühlte, dass ein Ereignis wie dieses unvermeidbar auf einen zukam. Was mich vielmehr erstaunte war, dass die Person - ich vermutete einen Kerl - offenbar in voller Montur gerüstet war und das nicht zu knapp. Was macht so jemand in einer einfachen handeltreibenden Menschensiedlung? Ist er eine Art Wächter? Ein Gesetzeshüter? Ich richtete die Kapuze meines Umhangs, die tief in mein Gesicht gerutscht war und musterte ihn eingehend.

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Der Schwung mit dem ich gegen den anderen gerannt war, reichte aus um mich von den Füßen zu hauen. Ich taumelte zurück und konnte mich gerade noch an einem Fass festklammern, was aber nicht verhinderte, dass ich auf dem Boden landete, genau wie mein Gegenüber. Es schepperte, als ich auf dem Pflaster aufschlug und ich verfluchte die Rüstung die ich trug noch weiter. Nicht nur, dass sie schwer auf mir lastete, meine Brust einquetschte und mein Blickfeld einschränkte, jetzt zog sie auch noch die Aufmerksamkeit aller anderen im Umkreis auf sich. Einige kicherten, andere schüttelten genervt den Kopf. Der Boden ist nie dein Freund, eine Regel die ich von einem Jungen meines Alters gelernt hatte, nachdem er bei einem Training gewesen war. Wir gerne wäre ich auch dort gewesen... Ich rappelte mich sofort wieder hoch und reichte meinem Gegenüber unwillkürlich die Hand. Meine gute Erziehung verbot mir, einfach weiterzugehen. Ich begann bereits mich dafür schlecht zu fühlen, dass ich mich nicht ausgiebig entschuldigt hatte, doch konnte ich nicht riskieren, dass er meine Stimme hörte und mich möglicherweise als Frau erkannte. Ich studierte mein Gegenüber genau, zumindest versuchte ich es, doch die Kapuze seines Umhanges verdeckte einen Großteil seines Körpers vor mir. Wohl fiel mir aber auch, das es sich bei diesem Jungen um ein recht zierliches Exemplar handelte. Er war kleiner als ich und sehr schmal gebaut. Zwei durchdringende wache Augen starrten mich aus einem spitzen Gesicht entgegen und musterten mich, wie ich es bei ihm tat, nur konnte er noch weniger von mir sehen, wofür ich ausgesprochen dankbar war.

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Kein sehr gesprächiger Bursche, was? Wenn ich meinen Ohren trauen konnte - und ich war mir sehr sicher, dass dem so war - hatte kein einziges Wort seine Lippen verlassen. Ich hoffte doch, dass er welche hatte. Trotz seiner Statur konnte ich nicht mit fester Überzeugung behaupten, dass ein menschlicher Genosse vor mir stand. Aber menschlich oder nicht, ich wusste, wie seine Geste gemeint war und so zog ich mich mit der Kraft, die seine Hand bot, auf beide Beine. Den aufgewirbelten Staub, der sich auf meiner Kleidung niedergelassen hatte, klopfte ich flüchtig ab. Allein durch diesen winzigen Unterschied, der für das grobe Erscheinungsbild keinerlei Bedeutung hatte, fühlte ich mich weniger offen gegenüber fiesen verbalen Angriffen, auf die ich mich auf dem Hinweg eingestellt hatte. Ich mochte etwas voreingenommen sein, doch das, was ich bisher über menschliche Zivilisationen gelesen hatte, war nicht ausschließlich die Krone allen Anstands. Und der Riese, der mich gegen seinen eigenen Willen hatte auffangen müssen, hatte diese Annahme außerordentlich rasch bestätigt. Weniger schien jedoch der gerüstete Fremde darauf aus zu sein, mir ein weiteres Schimpfwort an den Kopf zu werfen und das wusste ich, trotz der ungünstigen Lage, in der ich mich befand, seitdem ich meinen Lehrmeister aus den Augen verloren hatte, halbwegs zu schätzen. "Vielen Dank, das ist sehr zuvorkommend", sagte ich mit einem Nicken und ließ seine Hand los. Mein ungezwungenes Mustern entpuppte sich zu einem zunehmendem Interesse an Augenkontakt, als ich glaubte zu wissen, dass er den Blick erwiderte. Wirklich schade, dass selbst sein Kopf stählern eingepackt war. Das feste Material, diese "zweite Haut", musste schwer sein. Das Ganze nahm einen zunächst unscheinbaren Beigeschmack des Surrealen an, der sich tiefer und tiefer in mein Bewusstsein meißelte, je länger ich inmitten einer überbevölkerten Siedlung, zwischen dem Treiben lärmender Händler und Handwerker gefangen, den Versuch nicht aufgab, hinter dem Helm eines Kriegers, der den Anschein erweckte, er könne mich mit zwei kräftigen Tritten zu Brei verarbeiten, eine Möglichkeit zu erkennen, ihn genauer zu identifizieren. Aber das Einzige, was mir neben seiner unschlagbaren Wortlosigkeit auffiel, war, dass ich seine Rüstung ganz schick fand, und irgendwann schweifte mein Blick doch ins Leere. Ich konnte nicht ganz leugnen, dass mich die anhaltende Abwesenheit von Malion ein wenig beunruhigte.

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Was starrte der mich denn die ganze Zeit so an? Ich wurde langsam unruhig und meine Handgelenke begannen zu kribbeln, wie immer, wenn ich aufgeregt war. Ich musste mich sehr zurückhalten, nicht sofort an ihnen zu kratzen, andererseits wäre ich wohl eh nicht an sie heran zu kommen und der ganzen Rüstung, in der die Temperatur nur immer schneller stieg. Ich trat einen Schritt von dem jungen zurück und wandte mich dann ganz spontan ab. Ich ging, ohne ein Wort zu sagen, zügig, und so lautlos wie nur möglich. Ich hoffte inständig, er würde mich nicht noch einmal ansprechen und auch sonst niemand, doch bewegte ich mich so schnell zwischen den Leuten hindurch, dass ich sowieso genug Abstand zwischen uns gebracht hatte um nicht noch einmal antworten zu müssen, sollte er noch etwas von mir wollen. Ich kam mir furchtbar unhöflich vor, doch meine Tarnung durfte nicht auffliegen! Ich hatte mich ja nicht einmal getraut etwas zu dem dünnen zerbrechlichen Jungen zu sagen, den ich so unvorsichtig umgerannt hatte. Was war nur mit mir los? Ein Tag in der Freiheit und ich konnte mich überhaupt nicht mehr beherrschen? Würde ich nicht diese Rüstung tragen, hätte sicher schon jemand versucht, mich übers Ohr zu hauen oder mich zu entführen, allein deshalb, weil ich so verloren wirkte... Ich beschloss wieder etwas Haltung anzunehmen und marschierte aufrecht durch die Menge, die höflich zur Seite trat.

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Die Chance, mein Wissen über diese sehr flüchtige Bekanntschaft zu erweitern, war soeben, still wie eh und je, durch die drängelnde Masse verschwunden. Was den Krieger wohl veranlasst hatte, der Möglichkeit auf ein kurzes Gespräch so beharrlich auszuweichen? Ich hatte einige vage Vorstellungen, wenn ich mir die Mühe gab, präzise darüber nachzudenken, aber für den Moment reichte meine Motivation zur Analyse der sozialen Kompetenzen fremder Leute einfach nicht aus und so betrachtete mein Gedankengang das soeben Geschehene im raschen Vorübergehen - ungefähr so, wie die Einwohner der Siedlung einen Elfen betrachteten, der wie versteinert von der ablehnenden Haltung anderer dem geschäftigen Volk den Weg versperrte. Ich löste die stramme Haltung meiner Schultern, die Anspannung, die sich durch den unvermeidbaren Körperkontakt an meinen Muskeln festgebissen hatte. Ich versuchte nicht zu sehr empört über den wortlosen Abgang des Kriegers zu sein, und tatsächlich war ich das auch nicht. Nur ein klein wenig, vielleicht. Es mochte sein, dass die Relevanz von Zeit an diesem Ort bedeutend größer war als daheim. Keine Zeit für private Gespräche und große Portionen guter Kommunikation, sozusagen. Es ergab Sinn, der Handel mit den Waren über den Marktplatz hielt die lebhafte Ordnung der menschlichen Siedlung aufrecht. Bevor die nächste Welle an Arbeitern an mir vorbei trabte, ordnete ich mich in den Strom der Menschen ein und suchte endlich den Marktplatz auf. Wenn Malion nicht dort war, dann vermutlich an irgendeinem anderen willkürlichen Punkt des Wohngebiets, um mich zu suchen, und in diesem Fall war die wohl unvernünftigste Lösung unseres Problems, mich ebenfalls auf die Suche zu begeben und die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns vor Einbruch der Nacht wiedertreffen, eminent zu verringern. Mit der schnellen Entscheidung, hier am Markt zu warten, wanderte ich geistesabwesend von Stand zu Stand, um mir die Zeit zu vertreiben. Es war interessant zu erfahren, wo die Vorlieben und Bedürfnisse der meisten Einwohner und Besucher lagen. Die Größe der Gruppen an den Ständen variierte manchmal. Aber alles in allem blieb die Verteilung nahezu gleich und je länger ich das Spektakel beobachtete, desto eher neigte ich dazu, Mitleid für den Verkäufer von Bettvorlegern aus Kuhfell zu empfinden. Gerade solche Stände waren es, bei denen ich mich aufhielt. Einerseits wollte ich sichergehen, dass Malion mich so leicht wie möglich orten konnte, sobald er hierher zurückkehrte. Andererseits wollte ich bei bester Gesundheit bleiben und wenn ich mich nicht täuschte, gingen sich gerade in diesem Moment zwei Käufer an die Gurgel, weil sie sich uneinig darüber waren, wer sein Interesse an dem letzten Netz Äpfel zuerst geäußert hatte. Komischerweise blieb es bei einem simplen, wenn auch sehr lauten Wortgefecht. Ich hätte mit mehr gerechnet, vielleicht eine kleine impulsive Reaktion des einen oder anderen, die das friedliche Miteinander in schlimmster Art und Weise strapazierte. Mein Blick wanderte weiter und suchte sorgfältig den Stand vor mir ab. Dieser Händler bot ungewöhnliche Utensilien an. Bei einigen Objekten konnte ich den Nutzen erahnen, andere blieben mir selbst bei genauem Untersuchen ein Rätsel. Aber etwas an ihrer filigranen, detailreichen Bauweise sagte mir, dass ihr Dasein ein Sinn haben musste. Ich legte den Kopf schief. Ich hoffte wirklich, dass Malion daran dachte, dass ich hierher gekommen war. Ich wollte mich nicht mit dem Bedürfnis konfrontiert fühlen, eines dieser Werkzeuge anzufassen.

Tilia Malves

Ich war schon häufiger auf Märkten gewesen, auch auf größeren, bei denen Lyren aus anderen Orten anreisten, trotzdem war es nicht vergleichbar mit diesem Markt. Überall wuselten die emsigen Menschen um her, überall entstanden Geräusche, die ich kaum noch voneinander trennen konnte. Neugierig aber mit Haltung schritt ich an den Ständen vorbei und besah mir ihre Auslagen.

Natürlich hatte ich jetzt nicht die Möglichkeit etwas zu erwerben, da ich kein Geld bei mir trug, jedoch wäre ich bereit gewesen, für etwas besonders faszinierendes eine meiner Perlenketten einzutauschen, die ich in meinem Beutel trug. Allerdings nur eine. Eine kleine. Nur im Notfall. Ich lief an einem Stand vorbei, den verschiedene Schmuckstücke zierte. Ich beugte mich tiefer über die Auslage bis ich den seltsamen Blick der Händlerin bemerkte. Sofort wurde mir klar, wie merkwürdig es aussehen musste, dass ein großer starker Krieger, ein Mann, sich über ein paar Anhänger aus Silber mit eingelassenen Edelsteinen beugte. Unauffällig entfernte ich mich wieder und kam sogleich an den nächsten Stand mit interessanter Ware. Es war ein Waffenstand und hier würde ich garantiert nicht auffallen. Der Verkäufer, ein viel zu lieb aussehender Mann um in einem solchen Geschäft tätig zu sein, lief sofort zu mir herum und erklärte mir von welcher Meisterhand sie alle geschmiedet worden waren und aus welchen Teilen des Landes sie stammten. All das sagte mir nichts, doch konnte ich eines der Schwerter in die Hand nehmen. Ich wog es in den Händen. Es war schwerer als ich erwartet hatte, doch es lag gut in der Hand. Der Griff war fein geschmiedet und er war geziert und einigen merkwürdigen Symbolen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Mit einigem Respekt und einem tiefen Bedauern legte ich es wieder in seine Samthülle, erhob die Hand zum Gruße und verschwand wieder in der Menge. Etwas weiter vorne auf dem Weg sah ich, wie einige Gestalten versuchten, ihre Ware an den Mann zu bringen und die armen Passanten belästigten, doch als ich an ihnen vorbei kam, verschwanden sie schnell in den Schatten und zwischen den Ständen. Etwas hilfreich war es doch. Als ich der Straße weiter folgte fiel mir auf, dass ich mich komischerweise wieder dem Hauptmarktplatz näherte, obwohl ich doch in die andere Richtung gegangen war. Dort konnte ich einen kleineren Tumult an einem der Stände beobachten, an dem sich zwei Männer über irgendetwas belangloses stritten.

Lovelian Aranath

Mit jedem aggressiven Wort, das verbissen und zischend aus den Mündern der Opponenten spie, war ich mir mehr und mehr im Klaren darüber, dass niemand der Umher treibenden Anstalten machte, dem Schauspiel endlich ein sehenswertes Ende zu bereiten. Weder die Händler, noch die Käufer, und von Gesetzeshütern war weit und breit keine Spur. Ich kehrte dem Stand den Rücken zu, während ich mich wunderte, und verschränkte, den Lärm sichtlich missbilligend, die Arme vor meiner Brust. Mein Blick prüfte die Massen und blieb an einem mir bekannten Subjekt hängen: Einerseits, weil mir dieser Mann, wie gesagt, wegen vorherigem Ereignis im Gedächtnis geblieben war, und andererseits, weil mein Auge ihn, in seiner "Bekleidung", nicht hätte übersehen können. Den stummen Gesellen und mich trennte eine gute Distanz von etwa 40 bis 50 Schritten; manchmal versperrten die Körper der anderen meine Sicht auf den Krieger, doch ich vermutete, er würde weitaus schneller mit den Massen verschmelzen, wenn die beiden streitenden Männer - inzwischen doch am Rande einer Rauferei - die Aufmerksamkeit der meisten nicht mit ihrer omnipräsenten Torheit in den Bann ziehen würden. Wenn ich nicht vorher schon daran gezweifelt hatte, dass der Krieger die Sorte von Menschenwächter war, die regelmäßig durch Städte patrouillierte, hatte mich diese Überzeugung inzwischen vollkommen eingenommen. Jedenfalls hinterließ er den starken Eindruck, dass er nicht als Akteur fungieren würde, sondern, wie ich und alle anderen, bloß ein Beobachter war. Doch woher kam er dann und warum die Rüstung? War er eine Art Söldner? Gerade als ich mich mit dem Entschluss befasste, mich unauffällig zu nähern, weil ich vorhin noch zu perplex gewesen war, um mir Einzelheiten seiner Rüstung einzuprägen (vielleicht fand ich im Archivar einen Hinweis über ihren Ursprung, Verzierungen und Wappen sprachen manchmal Bände), wurde ich von einer Kraft zurückgeworfen, die mich gegenwirkend an Ort und Stelle festhielt.

Zum zweiten Mal an diesem Tag geriet ich stark ins Taumeln, doch konnte ich mich dieses Mal ohne sogenannte Hilfe meiner Mitlebenden in einem festen Stand fangen. Bevor mein Verstand allerdings gänzlich registrierte, was mit meinem Körper passierte und vor allem warum es passierte, vernahm ich eine unangenehme, lästige Stimme in unmittelbarer Nähe meines Kopfes, die mein Gehör, trotz Kapuze grell und ungehalten penetrierte: Du! Wo ist es? Wo ist mein Astrolabium?" Der Versuch meinen Kopf zu ihm umzudrehen, scheiterte elendig an meiner Körperhaltung, aus der ich mich unmöglich entwinden konnte. Seine dürren, langen Finger umklammerten mein Handgelenk mit einer enormen Kraft, die ich ihm beim besten Willen nicht zugetraut hätte. Meinen Arm zerrte er dabei in einem unleidlichen Winkel hinter meinen Rücken. Meine Schulter beschwerte sich mit einem bedenklich knackenden Geräusch unter dem Druck, so wie ein Schiffskörper unter der Gewalt stürmender Wellen jammerte. Mein Versuch, mich umzudrehen, blieb nicht ohne Folgen, denn ein akuter Schmerz zog augenblicklich durch meinen gesamten Arm. Ausgehend von meinem Handgelenk kletterte das reißende Gefühl an meinen Muskeln und Sehnen wie das Blut in meinen Adern zu meiner Schulter hinauf. Ich befürchtete jedoch, dass eine gesunde Durchblutung nicht mehr lange währte, wenn der gute Mann in Betracht zog, noch ein bisschen gewalttätiger zu reagieren. Astrolabium? Wovon spricht er überhaupt?, fragte ich mich nun. Wahrscheinlich eines seiner komplexen Gebilde, aber warum er glaubte, dass ich die Verantwortung für sein Verschwinden trug, wollte mir nicht ganz einleuchten. Abgesehen von mir zeigte zwar kaum ein Passant ein signifikantes Interesse an dem Angebot, aber ich stand sicherlich nicht allein in der Nähe des Standes. Ich hielt es für eine kluge Entscheidung, meine Ruhe aufrecht zu erhalten und sie ihm förmlich in die Augen zu streuen. Meine Mundwinkel zuckten angesichts meiner Sorge um meine Gliedmaßen zwar kurz nach unten, aber ich bemühte mich, mir keine meiner Empfindungen anmerken zu lassen. "Ich habe euer Astrolabium nicht", erwiderte ich und betonte jede Silbe mit Sorgfalt, jeden Konsonanten mit einem weichen, sauberen Anschlag, der seinen von Wut benebelten Kopf ein bisschen aufklären sollte. Zu meinem Unglück, das mich heute stets verfolgte, schien das seinen Zorn jedoch nur zu schüren, und ich musste zusehen, wie die heiße Glut zu einem lechzenden Feuer aufflammte, das wie ein fürchterliche Wolkenbruch auf mich herabregnete. Seine Hand fuhr zu meiner Kapuze hinauf und enthüllte meine Identität. Meinen Arm ließ er los, doch drehte er mich mit beiden Händen an meinen Schultern abrupt zu ihm um. Seine starren, funkelnden Augen musterten mich von oben bis unten. Seine Lippen wurden weiß, als er sie fest aufeinander presste und sich wie eine harte Kante in seinem Gesicht manifestierten. "Wie absolut unerwartet", spuckte er mit aller Ironie, die er in seiner Stimme vermitteln konnte, entgegen. Ich hatte ein verschwommenes Bild vor Augen, das mir unverschämt offen darlegte, was er damit meinte.

Tilia Malves

Meine Position war hervorragend um sich erst einmal einen guten Überblick über den Markt zu verschaffen. Ich stand auf einer höhergelegenen Stelle und da ich eh viele meiner Mitmenschen mühelos überragte, hatte ich nun eine uneingeschränkte Sicht.

Eine ganze Weile lang hing mein Blick an den Streitenden, die sich nun immer lauter beschimpften und anpöbelten, wer von ihnen wohl als erstes ein Auge auf die Ware geworfen hatte. Ich konnte nicht genau erkennen worum es sich dabei handelte, doch verkaufte der Stand ansonsten Früchte. Ich seufzte, Männer! Wie konnte man sich nur über so etwas belangloses fast an den Hals gehen? Lag nicht der ganze Stand voll damit? Ich verdrehte die Augen ein wenig und ließ meinen Blick wieder über die anderen Menschen hier schweifen, die schon ohne sich zu streiten äußerst interessant waren. Besonders für mich. Ich sah hier Menschen aller Körperformen, große, kleine, dicke, dünne und extreme Mischungen daraus. Ich sah größtenteils einfache Kleidung, doch hier und da waren auch edlere Kleider und Federhüte dabei, außerdem ausgefallene Bärte und Frisuren. Allerdings nicht so ausgefallen wie bei uns, da es sich hier wohl auch eher um einfacheres Volk zu handeln schien. An einem der Tische stand jemand in einen Kapuzenmantel gehüllt und plötzlich fiel mir auf, dass er mich genau anstarrte, als wandte ich den Blick langsam von ihm ab. Ich hatte ihn wohl erkannt, er war den junge Mann von vorhin. Während ich augenscheinlich einen Hünen ein paar Stände weiter betrachtete, schielte ich ihn aus den Augenwinkeln heraus an, sofern das bei diesem eingeschränkten Sichtfeld möglich war. Er hatte den Blick nicht abgewandt und musterte mich ungeniert. Sein Gewandt war mit vielen feinen Stickereien und Mustern verziert, die ich hier noch bei keinem anderen gesehen hatte. Auch seine Stiefel unterschieden sich stark von denen der andere Leute hier. Ob er wohl aus einer entfernten Stadt kam? Oder gehörte er gar einem anderen Volk an? Diese Kapuze ließ viel Raum für Fantasie, dass musste man ihr lassen, doch half es bei seiner Identifikation nur äußerst wenig. Ich wollte den Blick gerade wieder abwenden, da hörte ich einen wütenden Ausruf und fuhr wieder herum. Aus dieser Entfernung hätte ein Mensch den Mann wohl nicht keifen gehört, doch hatte ich als Lyra ein besonders gutes Gehör, dass ich allerdings bis eben zu ignorieren versucht hatte, da hier einfach eine zu große Geräuschkulisse war. Als ich also wieder zu dem mysteriösen Jungen herumfuhr hatte sich ein fies aussehender kleiner Kerl auf ihn geworfen und ihn fest von hinten gepackt. Aus einem Reflex heraus setzte mich sofort in Bewegung um die beiden zu trennen. Das hatte man nun davon, wenn man sein ganzes Leben lang mit kleinen Kindern zusammen war, allerdings waren das hier andere Umstände und die beiden waren auch nicht erst fünf. Fürs Umkehren war es allerdings zu spät, da sich sofort eine Gasse gebildet hatte, als ich mich in Bewegung gesetzt hatte. Die Leute warteten respektvoll bis ich sie passiert hatte, allerdings machten sie auch keine Anstalten, sich danach wieder zu entfernen. Stattdessen blieben sie neugierig stehen. Wie hätte ich unter diesen Umständen denn noch einfach weiter gehen können? Dadurch, dass ich nun eine völlig frei Bahn hatte, konnte ich sehen wie der kleine grimmige Kerl dem Kapuzenmann ebendiese herunterzog und ein triumphierendes Lächeln zuckte über seine Züge, welches sich allerdings sofort wieder in Hass verwandelte. Ich atmete einmal tief durch und rief dann mit tiefer, rauer, männlicher und vor allem sehr lauter Stimme: "Was ist hier los?" Ich baute mich vor den beiden auf, stützte die Hände in die Hüften und fixierte die beiden, während sich die Gasse hinter mir mit Schaulustigen füllte.

Lovelian Aranath

Die plötzliche Präsenz und Stimme eines anderen ließ uns beiden, den Händler und mich, die zornige Hitze auf der einen Seite und den pulsierenden Kälteschauer der schlimmsten Befürchtungen auf der anderen Seite vergessen und unsere Münder verstummen, sofern ich selbst überhaupt in der Lage war, etwas zu meiner Verteidigung zu äußern, geschweige denn den kleinen, dürren Mann davon zu überzeugen, dass ich nichts mit dem Verschwinden seines edlen Werkzeugs zu tun hatte. Trotz Verlust meiner Worte, öffneten sich meine Lippen minimal, angesichts der hoffentlich positiven Überraschung, die mir in Form der einschüchternden Anwesenheit eines schwer gepanzerten Kriegers zuflog. Ich sollte mich vielleicht nicht zu früh freuen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er den Eindruck bekommen hat, dass ich nur hier bin, um Ärger zu verbreiten. Nachher will er mich noch hängen oder vierteilen. Aber eigentlich waren diese grausigen Vorstellungen nicht ganz berechtigt. So wenig ich über diesen Mann zu wissen schien, irgendetwas an ihm verwies auf eine kühle, distanzierte Ruhe in seinem Handeln , trotz einschüchterndem Auftreten und rauer Stimme mit einer sehr ungewöhnlichen, um nicht zu sagen "merkwürdigen", Tonlage. Wenn er allerdings kein Gesetzeshüter war, wie kam es dann, dass er in diesem Moment eingriff? War er etwa doch einer und ich hatte vorhin einen falschen Eindruck bekommen? Egal, ob ich richtig oder falsch lag, es war schwer, sich einen Menschen unter all den Schichten vorzustellen. Um mir selbst die Wahrheit zu gestehen, ich hatte absolut keine Vorstellung davon, was er sein könnte, und eventuell sollte ich das auch nie, abhängig davon wie lang sein Geduldsfaden war. Ich ergriff die Initiative, bevor der Händler die Möglichkeit sah, meiner potenzielle Rettung seinen rassenbezogenen Hass einzuflößen.

"Er denkt, ich habe etwas von seiner Ware gestohlen.", erklärte ich dem Krieger und sah dem Händler in die Augen, obwohl ich nicht mit ihm sprach. "Aber wenn er sich wenigstens die Mühe machen würde, mich zu bitten, meine Taschen zu leeren, hätte er gar nicht erst seiner vorschnellen Rage erliegen müssen. Er wird nämlich so ziemlich genau gar nichts darin auffinden. Zumindest nichts, was vorher in seinem Besitz war." Der Händler, der nun von meinen Schultern abgelassen und nun einen guten Schritt auf den Krieger zumachte - seine harten Gesichtszüge flammten in neuer, wenn auch nun beherrschter Wut auf -, verschränkte verschlossen die Arme vor der Brust und musterte ihn von oben bis unten. Zwischen den kalten Blicken, die er ihm zuwarf, mischten sich wenige Tropfen der Unsicherheit. Auch wie seine Lippen etwas bebten, der Muskel unterhalb seines Wangenknochens zuckte und er seine Füße von Zeit zu Zeit ein Stück verrückte, als wäre er sich unsicher, wie er vor der etwas größeren und besser verteidigten Erscheinung hinzustellen hatte, um seine körperliche Unterlegenheit durch seine schier unumstößliche charakterliche Größe zu verschleiern. Aber seine Nerven begannen bereits zu versagen, auch wenn er nichts davon wissen wollte. Er schien misstrauisch. Offenbar verhielt sich die Einordnung des Kriegers bei ihm genauso problematisch wie bei mir. Er kannte ihn nicht, aber etwas an seinem von Abscheu verdrehten Gesicht sagte, dass er ihm nicht vollkommen fremd war. Ansonsten hätte er sich womöglich noch eher von seiner Wut erholt, da ihn das Fremdartige an dieser Person zunächst primär interessiert hätte. Es sei denn er war ein hoffnungsloser Choleriker, der kein Auge und kein Gefühl für Neues entwickeln konnte. "Und warum mischt ausgerechnet Ihr Euch ein?", presste er mit leiser, schneidender Stimme hervor.

Tilia Malves

Schon bereute ich mich eingemischt zu haben. Was fuhr dieser Giftzwerg mich so an? "Ich mische mich ein, wann immer es mir beliebt und wo immer ich es für notwendig halte, Sir!", donnerte ich ihm entgegen, sodass er etwas zurückzuckte. Ich hätte mir nun, da er seine Kapuze verloren hatte, gerne das Gesicht des anderen näher angeguckt, aber ich wollte keine Zeit dafür verstreichen lassen. Stattdessen konnte ich in das böse Gesicht des kleinen Mannes, der mich an funkelte, allerdings sich nicht traute, mich anzugreifen wie den dünnen Jungen. Trotzdem schien er mich mehr zu hassen als es die Umstände rechtfertigt hätten. Warum? Natürlich war er in Rage, aber so sehr? Das gleiche galt für den Jungen. Auch ihn betrachtete er mit eine Feindseligkeit, die mir bisher völlig fremd gewesen war. Allerdings passte es auf die Beschreibungen der Menschen aus meinem meinem Volk. Endlich eine Bestätigung. "Was der Junge sagt, scheint berechtigt zu sein. Wenn Ihr ihn für schuldig haltet, solltet ihr es auch Beweisen können. Falls dies nicht der Fall sein sollte, empfehle ich Ihnen nicht noch einmal Hand an ihn zu legen! Das könnte nicht ohne Folgen bleiben.", befahl ich wieder mit tiefer bestimmter Stimme. Ich hoffte, er hatte die Drohung verstanden und sie hatte auch einigermaßen gewirkt. Es kam mir seltsam vor, diese ganze Geschichte klang unglaubwürdig und meine Intuition sagte mir sofort, dass ich dem Jungen eher trauen konnte als dem garstigen Kerl. Doch obwohl ich dem Jungen etwas schuldete, falls es einen Beweis geben sollte, dann.... ja, was dann? Was würde ich dann machen? Ich konnte ihn ja schlecht festnehmen und sicher waren dafür andere zuständig! Allerdings hatte ich außer uns noch keinen Menschen gesehen, der kämpferisch genug aussah um ein Ordnungshüter zu sein, doch hatte ich damit schließlich auch wenig Erfahrung.

Lovelian Aranath

Mit interessierter, fassungsloser Miene verfolgte ich den Wortwechsel zwischen dem garstigen kleinen Händler und dem unbekannten Krieger. Der Kleinere von den beiden hatte sichtlich Angst in seinen Knochen, die er jedoch bisher wie ein Meister mit jeder erdenklichen negativen Gefühlsregung überspielt hatte. Doch mit all den Sekunden in nächster Nähe zum Krieger trat die Erscheinung seines eingeschüchterten Selbst mehr und mehr von Innen nach Außen. Er schluckte deutlich und die Kante seines Unterkiefers bebte ein bisschen bei der letzten unterschwelligen Bemerkung des Mannes mit der einzigartigen Rüstung. Eine große Rolle spielte dabei wohl auch das zuvor Gesagte, denn, so hinterhältig und listig wie er nun einmal zu sein schien, suchten seine Augen schon bald so unauffällig wie möglich - natürlich um keine Schwäche preiszugeben - über das rege Meer der vielen Köpfe, jeder scheinbar ungeschützt und absolut herkömmlich und unkonventionell gekleidet.

Keine guten Aussichten für den Mann, überlegte ich und neigte meinen Kopf grübelnd zur Seite. Vielleicht sollte ich mir rasch eine Lösung ausdenken, damit sowohl ich als auch der Große glimpflich davonkommen. Wer auch immer er sein mag, es wäre eine furchtbare Schandtat, wenn ich nicht einmal versuchen würde, meine Schuld zu begleichen. Also, denk nach Lovelian! Obwohl ich mich mit dieser Motivation anstachelte, war mein Verstand in den Netzen des vergangenen Moments gefangen, in dem ich dummerweise in aller Aufregung davon ausgegangen war, den Rest meines Lebens in einem Kerker der Menschen langsam vor mich hin zu rotten. Aber ich schluckte diese Aufregung hinunter und meine Gedanken kamen langsam ins Rollen, jedoch nicht, ehe der Besitzer des Stands nochmals seinen vorlauten gemeinen Mund geöffnet hatte. Was ich daran besonders bedenklich fand, war der Triumph in seinen Augen, der sich mit dem zornigen Funkeln zu einem beunruhigenden Antlitz vereinte. "Oh, ich glaube nicht, dass Ihr das hättet sagen sollen", murmelte er leise und tief. Grinste der Narr etwa? Was plante er zu tun? Wenn er überhaupt vorgehabt hatte, meine Taschen zu durchsuchen, dann war dies, sowie der ursprüngliche Grund dieser Auseinandersetzung, für den Augenblick in Vergessenheit geraten. "Ich lasse mich nicht bedrohen. Besonders nicht von euresgleichen", knurrte er weiter und die letzten Worte in diesem Tonfall spuckte er dem Krieger wie Säure ins verdeckte Gesicht, mit zittrigen, unsteten Knien, offenbar vor Furcht vor den Folgen seiner unausgesprochenen Beleidigung, aber mit einem grässlichen Selbstbewusstsein, das ihn sogar veranlasste, sich mit diesen butterweichen Knien den größeren Mann einen Schritt zu nähern. Es klang, als hätte er eine Ahnung, mit wem er es zu tun hatte. Ohne Frage, er war, wie ich, überzeugt, dass der Krieger nicht zum Menschenvolk gehörte. Seine Respektlosigkeit gegenüber ihm und mir erstreckte sich meilenweit über das Land, während er fast jeden anderen höchstens mit trüber Gleichgültigkeit begegnete. Dennoch: Etwas daran, wie er diese Worte gesprochen hatte, sagte mir, dass er eigentlich keinen Schimmer davon hatte, mit welchem Wesen er es genau zu tun hatte.

Wenn ihm dieses Wissen fehlte,was war es dann, das ihn derart in blinde Wut steigern konnte? Glaubte er immer noch fest daran, dass sein Gerät in meinen Händen war oder war er schlicht und einfach über irgendeine Dummheit aus früheren Tagen frustriert? Ich hatte den Mund geöffnet, um zu einer Antwort anzusetzen, aber was auch immer mir auf der Zunge gelegen hatte, es war weg, als sich die Lage, so fürchtete ich, irreversibel zuspitzte. Mir wurde erst klar, was der Mensch im Sinn hatte, als es bereits zu spät war. Dann wiederum beinhaltete jede effiziente Lösung, ihn davon abzuhalten, eine Portion Gewalt, die einen unangenehmen Ausgang für den Krieger und mich garantiert hätte. So blieb mir höchstens noch genügend Zeit, den Kopf zu schütteln und dem Mann meine Enttäuschung bezüglich seiner grandiosen Stumpfsinnigkeit in einem langen Blick zu verdeutlichen. Nicht, dass er mir die Aufmerksamkeit schenkte. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, tief Luft zu holen und den gesamten Marktplatz davon zu informieren, was soeben geschehen war. Aus seiner persönlichen Perspektive, selbstverständlich. "Habt ihr das gehört?", rief er den anderen angewidert entgegen. Sein Finger zeigte schamlos und beschuldigend auf den Mann in der Rüstung. Er schlüpfte nun mit beiden Beinen und Armen in die Rolle des Opfers. "Dieser Mann hat es gewagt, mich zu bedrohen! Warum steht ihr hier einfach so herum und unternehmt nichts? Wollt ihr etwa zulassen, dass er mir etwas antut?"

Tilia Malves

Etwas an dem Ausdruck der von einem auf den anderen Moment ins Gesicht des fiesen kleinen Zwergs trat, beunruhigte mich. Beunruhigte mich mehr als alles andere das ich heute gesehen hatte. Das dieser Wicht es überhaupt wagte mir auf diese Weise zu begegnen, konnte nichts gutes heißen! Ich war sicherlich mindestens 20cm größer, stärker und besser ausgerüstet als er und trotzdem ... Bevor ich diesen Gedanken überhaupt beenden konnte wurde ich angespuckt. Ich bekam nichts davon aber, aber allein die Tatsache, dass er sich mutig genug fühlte mir so zu begegnen, obwohl die Chance bestand, dass ich ihn daraufhin direkt in den Boden rammte oder ihn über seinen blöden Stand warf! Völlig Perplex stand ich da und beobachtete, wie Speichel über mein Visier lief und ein Ekelschauder überlief mich. Meine geistige Abwesenheit nutzte der Wicht um auf sich aufmerksam zu machen und den ganzen Platz zusammenzuschreien, als ob das noch nötig gewesen wäre... es starrten doch eh schon alle zu uns, seit ich mich nicht hatte beherrschen können! Warum war ich nicht einfach zu Hause geblieben, verdammt! Der Mann richtete seinen dreckigen Zeigefinger direkt auf mein Gesicht und ich musste gestehen, dass ich noch nie so viel Bosheit in einem Gesicht vereint gesehen hatte und ich bin in der Tiefsee aufgewachsen! Um uns herum kam Getuschel auf, mehr noch als zuvor. Ich drehte mich um sie besser sehen zu können. Ich konnte beobachten wie sich der Gesichtsausdruck des Mannes auf alle anderen übertrug und sich über den Markt ausbreitete. Nicht alle waren von diesem Virus betroffen, wohl aber die große Mehrheit. Erst Fäuste wurden erhoben, einige riefen und brüllten etwas, dass ich nicht ganz verstand, jemanden näher bei uns verstand ich hingegen ganz genau und ich konnte meinen Ohren nicht trauen, was er da rief! Er rief etwas, dass ich mich nie auch nur getraut hätte in den Mund zu nehmen, einen Fluch, den ich niemals mit reinem Gewissen auch nur denken konnte! Was war hier los? Wie war die Stimmung so schnell umgeschlagen? Was war denn deren Problem? Ich wandte mich wieder nach vorne, der Kerl grinste mich bösartig an und der Triumph stand ihm ins Gesicht geschrieben. Nun hatte ich wirklich das Bedürfnis ihm ein paar Schlägel zu verpassen, doch unter all den Augen, den wütenden Augen, traute ich es mich nicht. "Wie wäre es, wenn wir SIE rufen?", wandte sich der Kerl an die Menge. Zustimmendes Gegröle von allen Seiten, bis sie spontan verstummten und mich überkam ein Schauder als ich die Ursache hörte. Zunächst noch sehr leise, auch noch einiges entfernt, näherten sich harte Stiefel.

Lovelian Aranath

Was als Nächstes in unserer unmittelbaren Umgebung geschah, und zwar in einer fürchterlichen Kombination mit dem einschüchternden Klirren und Klimpern schwerer getragener Rüstung aus einer eher näheren Ferne und dem teils ehrfürchtigen, teils spöttischen Murmeln, Säuseln und Flüstern einiger Stimmen, Männer wie Frauen, drohte mich in einem einzigen eiskalten Desaster aus Ungewissheit und schlimmen Befürchtungen zu ertränken, und wenn mich nicht alles täuschte, hing der gute Krieger wegen einem lächerlichen Missverständnis (und dem aktiven Zutun einer kleinen miesen Menschennatur, die nicht davon abließ an die Masse zu appellieren) mit in der Sache drin. Es sei denn, er schaffte es, sich herauszureden. Ich für meinen Teil war nicht mehr von meinen Überredungskünsten überzeugt, wenn ich denn jemals seit dem Augenblick meiner Ankunft in diesem Ameisenhaufen in Erwägung gezogen hatte, es zu versuchen. So oder so traf "nähere Ferne" in wenigen Sekunden, die in Windeseile an uns vorbeigezogen waren, nicht länger zu. Eine knappe Distanz von geschätzt fünf bis acht Metern brachte es etwas angemessener auf den Punkt, wenn meine zurückgekehrte Inkompetenz einen klaren Gedanken zu fassen nicht mein Urteilsvermögen hinters Licht führte. Bald würde es ohnehin keine Rolle mehr spielen. Eine komische Starre und Unbeweglichkeit legte sich über die Menge und wie eine Welle rollte ein Wort von hinten nach vorn, von schweren oder schnippischen Zungen getragen, zu uns. "Eisenmänner", formten die Münder in meiner Nähe. Dann teilte sich die Gruppe und vor uns tauchte eine Formation aus großen Männern aus, von oben bis unten mit dunkelgrauen Eisenplatten geschützt und offensichtlich bis an die Zähne bewaffnet. Die Formation setzte sich aus 8 Männern zusammen: Einer vorne, zwei rechts und links hinter ihm, dahinter drei und hinten noch einmal zwei. Der Mittlere aus der Dreierreihe hielt einen rot-grauen Banner in die Luft. Was mein Interesse jedoch für sich gewann, war aus unerklärlichen Gründen der Mann, denn etwas an seiner Haltung, und ohne Frage natürlich seiner Position in der Anordnung des kleinen Trupps, sagte mir, dass er mit Abstand der unangenehmste von allen war. Aber ich bezweifelte fast, dass ich einen Unterschied wahrnehmen könnte, wenn sie uns erst einmal ihrer annehmen. Ich verspürte eine dezente Abneigung gegenüber der Vorstellung, eine Kostprobe der Stärke ihrer Schwerter, Kriegshämmer und Morgensterne zu erhalten. Noch weniger war mir danach, dass einer von ihnen die Fassung verliert und mir kurzerhand mit so einem Ding den Kopf massierte. Denn genau danach sahen die Herren aus. Ein Mann zu meiner Rechten wandte sich zu seiner Frau und deutete ihr, nach hinten zu treten. Andere, meist jüngere Bürger, hielten ihre Stellung, obwohl mit der Zeit von den anderen an die Seite gedrängt, und verschränkten lediglich die Arme. Die Skepsis, die sich in ihren Gesichtern abzeichnete, sprach Bände. Wiederum andere warteten einfach nur gebannt darauf, dass die Formation vor uns zum Stehen kam. Und das taten sie. Praktisch zum Greifen nahe, positionierten diese "Eisenmänner" sich in einem Halbkreis um den Krieger, den Händler und mich. Mittig stand ihr Anführer, wenn man ihn so nennen konnte. Die Spitze seines Breitschwerts versank in einer schlammigen Stelle zwischen den Pflastersteinen, als er sich mit beiden Händen auf dem Griff abstützte.

Tilia Malves

Das Klimpern von Metall ertönte, zunächst noch einige Straßen entfernt, doch jetzt wo der Lärm langsam erstarb konnte ich es deutlich hören. Metall schlug rhythmisch aneinander und schob sich übereinander, das Geräusch des reibenden Metalls kam mir besonders bekannt vor und es versetzte mich in leichte Panik. Vorhin als Gruppe hatten wir sehr ähnlich geklungen. Der Grundton von uns war möglicherweise etwas heller, aber vielleicht hatten sie ja anderes Material verwendet? Denn das waren eindeutig Krieger und sie gehörten nicht zu uns Lyren und waren auch sicher nicht in friedlicher Absicht hier, was mir das Geflüster der Masse hier offenbarte. "Eisenmänner", hörte ich von fast überall her kommen und alle Stimmen hatten eine ähnliche Betonung. Erfreut waren sie nicht, obwohl sie selbst nicht deren Ziel waren. Wenn selbst einfache Passanten schon ungern näheren Kontakt mit diesen Kerlen hatten, konnten wir uns ja auf was freuen. Eine Mutter in meiner Nähe schickte ihr Kind weg, es lief durch die Menge und versteckte sich neben einem Fass um das Schauspiel trotzdem beobachten zu dürfen. Die Menge lichtete sich ein wenig, oder zumindest wirkte es so, da sie sich alle gut fünf Meter von uns entfernten. Von rechts her bildete sich eine Schneise, immer mehr der Leute wichen zur Seite und senkten die Blicke, das Scheppern war bedeutend näher gekommen. Ich konnte die Geräusche nun gut voneinander trennen und machte sieben Individuen aus, die nun auch aus dem Spalier traten und sich vor uns aufbauten. Ich war versucht einen Schritt zurück zu treten, doch ein Krieger zeigt keine Furcht. Stattdessen musterte ich die Gestalten, während meine Hände an meine Hüfte glitten, an der ich ja zuvor ein Netz befestigt hatte, anstatt eines Schwertes. Verdammt! Einer der "Eisenmänner" wie man sie genannt hatte trat nun vor und präsentierte uns, dass er natürlich ein Schwert hatte, wofür ich ihn schon aus Prinzip hasste, doch sein Gesichtsausdruck allein hätte dafür schon gereicht. Er grinste breit aber gefährlich, wie ein Hai, ging es mir durch den Kopf, doch mit Haien hatte ich Erfahrung, mit so was nicht! "Was ist hier los?", donnerte seine Stimme über den Marktplatz und sofort verstummte jedes Geräusch, es schien, als würde niemand sich trauen auch nur zu atmen. Außer dem garstigen Verkäufer natürlich! "Dieser dreckige Bastard da hat mich bestohlen und der Große, sein Komplize, hat mich bedroht und wollte mich umbringen, ich habe dafür Zeugen!", keifte er und deutete in die Runde, wo Blicke gesenkt wurden. Er leckte sich über seine rissigen Lippen und auch er grinste nun breit. Aha, Komplize also? Ich kannte diesen Burschen gar nicht und ich hätte den miesen Kerl auch nicht umgebracht, was redete er da? Ganz offensichtlich ein versuch uns anzuschwärzen, doch war ich mir noch nicht ganz sicher, wie ich darauf reagieren sollte. Ein einfaches "Er lügt!", hätte hier sicher auch nicht sonderlich geholfen, dass kannte ich von meinen Geschwistern. Natürlich war diese Situation noch etwas kritischer. Etwas.

Lovelian Aranath

Immer mit der Ruhe, Lovelian. Ich bedauerte die momentane Position des Kriegers in diesem Theater ein wenig, denn für ihn war es nahezu unvermeidlich, nicht als primäre Bedrohung dazustehen. Ich vergaß dabei nicht, dass ich natürlich mehr oder weniger die Ursache des ganzen Problems war, wobei ich durchaus legitim dafür einstehen konnte, dass der Händler das eigentliche Problem war. Doch so oder so, ich konnte nicht leugnen, dass der Umstand, die unbehagliche Aufmerksamkeit dieser Männer nur peripher gewidmet zu bekommen, eine immense Hilfe war, das Chaos in meinem Kopf zu bändigen, und zu meiner - oder besser gesagt, unserer - Verteidigung etwas auszusprechen. "Es war eigentlich weniger, bedeutend weniger eine Todesdrohung als ein einfacher Hinweis darauf, nicht mit Konsequenzen zu rechnen, wenn man mit grober, pöbelhafter Art gegen eine Person vorgeht, der man zu Unrecht, und ohne jeglichen Beweis, wohl gemerkt, vorwirft, ein Dieb zu sein", warf ich mit gedehnter Betonung ein. Ich war gespannt, ob ich zu schnell urteilte, wenn ich davon ausging, dass ich mir entweder eine eiserne Faust fing oder wenigstens mit grimmigen Worten zurechtgewiesen wurde. Ich atmete tief, aber leise durch. Was mich am meisten ärgerte, war, dass ich meine körperliche Reaktion auf die Präsenz all dieser Leute, die uns unentwegt anstarrten, nicht ganz so perfekt verschleiern konnte, wie die Sorgen, die sich in meinen Gedanken widerspiegelten und mit diesem Gefühl Hand in Hand gingen. Ich verstand den Drang zur Flucht, aber gerade mit dieser bestätigte ich meine Schuld und die des Kriegers, zumindest in den Augen der Menschen. Ich hoffte also, dass keiner von ihnen zu genau hinschaute. Furcht und Interesse hielten die Waage, als ich feststellte, wie der Händler eine spöttische Grimasse zog und der Mann mit dem übertrieben großen Schwert mich abwägend betrachtete. Ab und zu glitt sein Blick dabei zum Krieger zurück. Aber etwas daran, wie sein Mundwinkel immer mal wieder in die Höhe zuckte, trichterte mir ein, dass ich ihm mehr Anlass gegeben hatte, über mich herzuziehen, als mich wirklich ernst zu nehmen. Scheinbar hatte er den bisher unbekannten Krieger als seinen Konkurrenten auserwählt. Seine Augen trugen die die feine, unbemerkbar flüchtige Finsternis einer zurückgehaltenen Abscheu, als er nah an ihn herantrat und ihn mit solch einem Fokus begutachtete, dass ich einen öffentlichen Kampf in diesem Augenblick nicht ausschließen konnte. Aber er ging nicht auf ihn los, sondern sprach mit gesenkter Stimme auf ihn ein. "Ihr seid nicht von hier, habe ich Recht?", fuhr er fort. Ich glaubte beinahe, die Vibration seiner Stimmbänder unter meinen Füßen zu spüren.

Tilia Malves

In diesem Moment war ich so unglaublich froh darüber, einen Helm mit Visier zu tragen, der meine Geschlecht und meine Gestalt vollkommen verschleierte, wie ich es kaum in Worte fassen konnte. Ich konnte mich schon sehr gut verstellen, doch wollte ich es nicht ertragen müssen, von ihm tatsächlich gesehen zu werden. Doch musste ich dafür sorgen, dass ich diesen Vorteil nicht so leicht von mir gab, er war noch immer mein Schutz. Es gehört schon etwas Mut dazu, einen kräftigen Lyrenkrieger anzugreifen, besonders wenn er möglicherweise bewaffnet ist, stellt sich dieser jedoch als Mädchen heraus, dann kann besagtes Mädchen sich auf einiges gefasst machen. Ich wusste, was Menschen mit uns taten, ich kannte die Geschichten und bei diesem Exemplar direkt vor mir, war ich mir vollkommen sicher, dass sie wahr sein mussten und er alles was ich gehört hatte bestätigen können würde. Ich blieb weiterhin standhaft und wich nicht vor ihm zurück, allerdings stellte ich mich etwas breitbeiniger hin und winkelte leichte die Knie an, eine bessere Position zum Angreifen war sicherlich von Vorteil.

Meine linke Hand war unterdessen in die Richtung meiner Umhängetasche gewandert, in der sich eine Feldflasche mit Wasser befand, allerdings hatte ich noch nicht vor, sie zu verschwenden. Hier gab es genug andere Flüssigkeiten. Ich wollte lediglich meine Tasche in Sicherheit wissen.

Der Eisenmann vor mir hatte eine dumpfe schnarrende Stimme und spuckte mir beim Sprechen aufs Visier, ich vermutete mit Absicht.

"Das ist richtig, tut hier allerdings nichts zur Sache, oder?", sagte ich laut und mit der männlichsten Stimme die ich aufbringen konnte, ohne dass meine Stimme dabei zu Zittern begann oder ich ein plötzliches Verzerren befürchten musste.

Er lachte kurz und trat dann einen Schritt zurück. Erleichtert atmete ich aus.

"Tatsächlich spielt es eine ganz beträchtliche Rolle, mein Herr! Ihr beide kommt in unsere Stadt, stehlt unsere Waren und bedroht unsere Leute? Was fällt euch eigentlich ein? Und dann auch noch so eine billige Lüge! Aber von Leuten wie euch ist ja wohl nichts anderes zu erwarten, oder Elf? Und du", jetzt wandte er sich wieder an mich, " Du und deines gleichen, euch hatte ich schon immer unter Verdacht! Kommt hier her mit eurer Panzerung und versetzt das Volk in Angst und Schrecken, die starken Kämpfer hinter der Maske. Man munkelt, man munkelt über eure Herkunft. Fischvolk, das seid ihr doch, oder?", rief er und spuckte mir nun tatsächlich und ganz offensichtlich mit Absicht ins Gesicht.

Das war nun wirklich zu viel. Meine Fäuste ballten sich und zuckten nach oben, doch bevor ich ihm eine verpassen konnte, versuchte ich mich zurück zu halten. Allerdings schienen das meine Gegner nicht zu bemerken und so packten gleich zwei von ihnen meine Arme und der Kerl vor mir trat mir die Beine weg, zumindest versuchte er das. Ein *Klonk* ertönte und ein Aufschrei. Es klang ganz so, als hätte er sich einen Zeh gebrochen. Vielleicht auch mehrere.

Lovelian Aranath

"Oh, Hal, wo bin ich nur hineingeraten?", seufzte ich, von der Spannung ausgezerrt, die mit einem Mal in sich zusammenbrach und im schlimmsten Ausgang resultierte, der womöglich hätte eintreffen können. Wobei ich doch ganz dankbar war, dass sie unsere Köpfe nicht gleich über den Marktplatz hatten rollen lassen. So absurd der Gedanke mir beim zweiten Mal erschien, konnte ich ihn kaum gänzlich außen vorlassen. Trotz des Tumults im Zentrum des Geschehens, welches die sich anbahnende Prügelei zwischen dem Krieger und den groben Wachen war, fiel die Reaktion der ersten Reihe der Menge vergleichsweise gemäßigt aus. Anstatt im tobenden Chaos auszubrechen und dem Ärger in gehetztem Lauf in alle Himmelsrichtungen zu entfliehen, wichen die Menschen und die wenigen anderen Arten, die sich darunter befanden, nur ein paar Schritte zurück und drängten sich in die hinteren Reihen. Dadurch entstand ein kreisförmiges Feld, praktisch wie eine Arena, in denen sich beide Parteien bekriegten - dabei war der arme Kerl, der von dem Mann mit dem großen Schwert aus einer womöglich unangemessenen Motivation heraus als Fischmensch bezeichnet wurde, den Schlägen ohne jegliche Unterstützung ausgesetzt. Bei mir haperte es ein wenig an Überzeugung und Einsatz. Nicht nur zog ich in Betracht, ob ein reines Gewissen die verlorene Chance auf eine saubere Flucht wettmachte, nein, auch wegen meiner "Künste" im Nahkampf zweifelte ich an dem Wert meiner Hilfeleistung, sollte ich einen äußerst unklugen Zug machen und mich gegen meine Vernunft in das Gerangel der Männer zu stürzen, die wahrscheinlich die Hälfte meines Körpers Gewicht praktisch als Verteidigung an ihrem eigenen Körper trugen. Und sie hatten Wáffen. Und wenn ich mich in die Position erheben durfte, ein Urteil darüber zu erschließen, den ein oder anderen Kampf hinter sich. Intensiv verfolgte ich den Anfang des Kampfes. Die kleine Katastrophe startete bereits mit einem leisen und kurzen Knacks aus der Richtung des drohenden Mannes, der eine Sekunde später einen schallenden Schrei losließ. Dem fremden Krieger wurde zur selben Zeit der Griff zweier Eisenmänner zum Verhängnis. Lovelian, sei kein Narr. Das ist nicht nur womöglich die dümmste aller Lösungen, sondern auch ein beachtlicher Nachteil für die einzige Person, die zumindest vorübergehend auf deiner Seite ist. Und dennoch stand meine Überlegung, jetzt sofort zu türmen, auf sehr dünnen Stelzen. Ich sah mich um. Der Ring aus Personen schnitt den Händler, den Krieger, mich und jene, die darauf aus waren, sich blind die Köpfe einzuschlagen, von dem Großteil der Stände und Häuser des Marktplatzes ab. Ich sah meine Fähigkeit zu Handeln recht kritisch, bis mir ein großer Holzwagen inmitten der Leute auffiel. Etwa fünf bis acht Meter entfernt, lag er gegenüber des Verkaufsstandes des fiesen kleinen Mannes. Da er nur zwei Räder hatte, wurde er vorn mit gestapelten Ziegelsteinen unter der Bolzenkupplung ausbalanciert, damit er nicht kippte. In meinem Kopf formte sich eine neue Idee. Was, wenn ich versuchte einige der Ziegelsteine zu entfernen, um den Stapel zu destabilisieren? Würde das funktionieren? Wieder sah ich mich gezwungen, meine Erfolgswahrscheinlichkeit abzuwägen. Aber ich merkte schnell, dass ich nicht ewig so weitermachen konnte. Neben den zwei Wachen, die ihm bereits auf die Pelle rückten, kam noch ein Dritter auf ihn zu gestürmt, der dazu ansetzte, ihm einen kräftigen Hieb mit seinem Unterarm zu versetzen. Wenn er dabei seinen Helm verlor, würde er den Schutzmantel seiner Anonymität endgültig verlieren. Ich warf einen letzten eiligen Blick zu dem Händler, der jedoch voller Eifer dabei war, die Eisenmänner mit seinem unverständlichen Gebrülle zu motivieren, und das übrige Geschehen vollkommen in den Hintergrund stellte. Ich wartete also keinen Moment mehr ab und rannte los. Alles, was mich von dem Wagen trennte, war das Chaos im Zentrum und ein paar Reihen von Schaulustigen. Ich zog einen Bogen, um die Wachen, entfloh gerade noch einer eisernen Hand, die versuchte mich zu packen, aber scheinbar war ich nicht wichtig genug, um eine Verfolgung aufzunehmen und im Gegenzug dafür die Teilnahme an dem Streit zu beenden. Leicht gebeugt stürzte ich mich in die Menge und schlängelte mich an den Körpern vorbei. Manche schob bei Engpässen zur Seite und musste dafür den ein oder anderen Stoß einkassieren. Aber ich stolperte insgesamt nur zwei Mal auf meinem Weg zum Wagen. Als ich dort ankam, wurde mir etwas klarer, wie schwierig es werden konnte, den Stapel mit bloßen Händen zu verändern. Die schwere Last des Wagens übte immerhin einen großen Druck auf sie aus. Ich ging in die Knie und zog mit beiden Händen an einem äußeren Stein, doch er ließ sich nur minimal verschieben.

So viel Zeit hatte der Krieger nicht. Und ich auch nicht. Die ersten Menschen in meiner Nähe schauten mir bereits argwöhnisch zu. Wenn ich nicht klauen wollte, dann ging ich mit Sicherheit schon anderen schelmischen Plänen nach, nicht wahr? Es überraschte mich, dass niemand von ihnen auf mich aufmerksam machte. Warum verschlug es ihnen derart die Sprache? Die Menschen waren ein eigenartiges Volk. Aber laut unseren Gelehrten waren sie für ihre Variabilität bekannt, sowohl im Äußeren als auch in der Persönlichkeit. Unberechenbare Kreaturen, sozusagen. Links von mir erspähte ich einen Vorschlaghammer, der am Wagen lehnte. "Na, wenn das kein glücklicher Umstand ist. Mal sehen, ob ich etwas damit ausrichten kann", murmelte ich und packte den langen Griff mit beiden Händen. Zuerst zog ich den schweren Kopf über den Boden und nahm die richtige Haltung und Position ein. Dann nahm ich alle Kraft aus meinen Armen zusammen, und noch eben, als ich den Schwung aus zwei vorangegangenen Schritten genutzt hatte und der Hammer mit Wucht in den Stapel krachte, hörte ich eine Frau entsetzt rufen, doch ihr Warnhinweis auf mein Tun wurde zu spät erhört. Der Wagen kippte polternd nach vorn und das aufgerollte Heu rollte, in der Tat, bis an den Rand des kleinen Kampfplatzes, dessen Abgrenzung nun dadurch zerstört wurde, dass sämtliche Menschen panisch auseinander fuhren und die Heuballen trotz des geringen Schwungs, den sie hatten, unaufhaltsam in Sichtweite der raufenden Männer kamen. Hinter mir klapperten einige Kiefer vor Wut. Vielleicht sollte ich mich aus Umsicht für mein gesundheitliches Wohlbefinden in eine Ecke verkriechen. Wenn diese Eisenmänner und der komische Händler mich und den Krieger nicht schon hassten, dann taten es jetzt auf jeden Fall auch ein paar der Zuschauer.

Tilia Malves

Auch wenn sie es versucht hatten, vorerst war ich noch nicht am Boden und sie wagten es auch noch nicht, mich ein weiteres Mal anzugreifen. Lediglich der Druck an meinen Armen nahm zu, als sie versuchten mich von hinten zu Boden zu drücken, allerdings hielt ich dem vorerst stand.

Dem Druck hier stand hielt offensichtlich mein Mitstreiter nicht, denn ich sah rechts von mir, wie der Kerl losrannte und in der Menge verschwand, bevor ihn irgendwer aufhalten konnte. Und ich stand immer Dank auch!

Einer der Eisenmänner, der weit links von mir gestanden hatte, hatte sich seinerseits ebenfalls in Bewegung gesetzt, als ich gerade abgelenkt gewesen war. Sein Arm war zu einem Schlag erhoben.

Ich versuchte meine Arme schützend nach vorne zu reißen, doch so wenig sie mich in die Knie zwangen, so wenig wollten sie von meinen Armen lassen.

So würde ich also nicht viel weiter kommen, ich überlegte hektisch. Die Arme konnte ich nicht verwenden, meine Beine hingegen schon. Die Jungs schienen mir stark genug zu sein, mich für den entscheidenden Moment zu halten, allerdings brauchte ich eine ordentliche Ablenkung, sonst würden sie mich vollends umzingeln, noch ehe ich die Grenze unseres Kreises erreicht haben würden und gegen so viele von Ihnen hatte ich keine Chance. Gut, dass wäre auch nicht anders gewesen, wenn mich mein Mitstreiter nicht verlassen hätte, so mager wie er war, doch immerhin hatte ein bisschen Beistand mir noch Hoffnung gemacht, auf die ich mich nun leider nicht mehr stützen konnte.

Plötzlich hörte ich einige Leute schreien und ein Poltern, dass schnell näher kam. Köpfe wandten sich um und auch die Eisenmänner vor mir wollten wissen, was diesen Höllenlärm verursachte, weshalb der Kerl vor mir mit nur noch einem Meter Abstand zum stehen gekommen war. Perfekt!

Ich trat mit einem Bein dem Soldaten in den Rücken und mit dem anderen zwischen seine Schultern, doch ich endete nicht dort. Von dort trat ich mit einem weiteren schlammigen Rüstungsstiefel gegen seinen Kopf und schwang mich hintenüber, sodass die Kerle meine Arme loslassen mussten und ich nun hinter ihnen stand. Während sie sich umdrehten stob ich zwischen ihnen hindurch und an dem Eisenmann vor mir vorbei und sah mich einem hölzernen Wagen gegenüber, den ich bereits zuvor in der Nähe gesehen hatte. Das hatte also diesen Lärm verursacht und offensichtlich hatte der dämliche Wagen vor, mich zu überrollen. Ich nahm also noch einmal die Beine in die Hand und sprang einfach durch die Abdeckung hindurch, rollte über etwas Stroh und landete unsanft auf der anderen Seite, wo ich meinen Freund den Elf wiedersah. Er schien fast noch erstaunter über das zu sein, was er tat als ich. Gut, vielleicht war er doch nicht einfach abgehauen, zumindest sagte das eindeutig der Hammer in seiner Hand, allerdings hatte er noch keine Anstalten gemacht, von hier zu verschwinden. Manche brauchten eben einen Stoß in die richtige Richtung.

Ich packte seinen Arm und im Laufen löste ich den Hammer aus seiner Umklammerung, dann zog ich ihn mit mir die Straße hinunter.

Lovelian Aranath

Mein Lungen füllten sich unerwartet schnell mit Luft, als meine Beine sich mit dem schnellen Sprint des Kriegers arrangierten. Der Hammer fiel mit einem dumpfen Ton zu Boden und seine Hand zerrte mich in eine bestimmte Richtung. Etwas irritiert von der plötzlichen Bewegung meiner Umwelt, die sich wie eine Folge lebloser Gemälde in meiner brüchigen Wahrnehmung verdeutlichte, ein immer schnellerer Wechsel von Bildern, die mein Gehirn teils verzögert und verblendet registrierte, musste der große Kerl mich die ersten zehn Meter regelrecht durch die Menge ziehen. Ich war einfach so sehr auf die Reaktion der Eisenmänner fokussiert gewesen, dass ich von einem Moment auf den anderen vergessen hatte, das Geschehen im nahen Radius von zwei Metern im Auge zu behalten. Und nicht nur das, ich hatte auch vollkommen außer Acht gelassen, dass außer ihnen noch andere Menschen, Elfen, Zwerge und was weiß ich noch alles zuschauten - wenn auch immer noch zum größten Teil die Menschen. Die Verdrängung unnützer Tatsachen in den unpassendsten Momenten war nicht meine allergrößte Stärke und so ertappte ich mich im Lauf dabei, wie ich feststellte, dass meine Einstellung gegenüber dem menschlichen Volk heute ein Stück in Richtung des negativen Pols meines gesamten Vermögens an Einstellungen und Ansichten verschoben worden war, aber Gleiches galt scheinbar nicht für meine Faszination. Komische Leute, Personen, Kreaturen; wie man sie auch nennen mochte, dass sie nicht komisch waren konnte man mir schwer ausreden, glaubte ich. Das Gemisch aus rauen Ausrufen, wortkargen Befehlen und geschmacklosen Beleidigungen zerrte mich zurück in die Gegenwart, als es hinter uns in ihren losen Mundwerken in all seiner eigentümlichen "Schönheit" aufblühte. Die gute Nachricht war, dass sie genauso weit entfernt zu sein schien wie vor ein paar Momenten. Die schlechte Nachricht war, dass sie gerade so weit entfernt waren, dass wir sie hören konnten. Meine überaus ausgeprägte Vorsicht vor diesen Männern - um es nicht bloße Furcht zu nennen - pumpte einen weiteren Schub an Adrenalin durch meinen Körper und ich schaffte es halbwegs mit dem Unbekannten mitzuhalten ohne durchlaufend über meine eigenen Füße zu stolpern. Die absurde Art von Humor, die ich darin erkannte, dass er trotz seines Panzers immer noch schneller zu Fuß unterwegs war als ich, hätte mich zum Lachen gebracht, wenn ich keinen fatalen Fehler darin sehen würde, meine übrige Luft für so etwas Triviales zu verschwenden. Wir waren schon lange von dem Marktplatz entkommen und der Krieger zog eine schmale Schneise durch die Menge auf der breiten Handelsstraße, die von dort aus direkt in die Richtung führte, aus der ich vor einiger Zeit mit meinem Lehrmeister angereist war. Diese Straße wies im Gegensatz zu ihren schmaleren Verwandten eine Hand voll von fahrenden Händlern auf, die sich am Rande und an Häuserecken platziert hatten und vorbeigehende Bürger mit ihrer Ware belästigten. Ich war mir nicht ganz sicher wie, aber ich schaffte es mit meinen Lungen und Waden, die wie ewiges Feuer brannten, Schritt zu halten. "Vielleicht nach links? Oder rechts? In eine Gasse?", rief ich dem Krieger schnaufend zwischen meinen rapiden Atemzügen zu.

Tilia Malves

Meine behandschuhten Finger klammerten sich weiterhin fest an den dünnen Elf, obwohl ich ihn zunächst eher mitschleifte als alles andere.

Ich hatte ein Klingeln in den Ohren. Nicht nur, dass wir von dem Stimmengewirr des halben Marktplatzes verfolgt wurden, auch das Scheppern meiner Rüstung an sich machte einiges an Lärm und ich musste etwas breitbeinig laufen, damit meine Beinpanzerung nicht andauernd aneinander rieb, denn das machte mich gerade wahnsinnig!

Ich rannte und rannte, obwohl ich keine Ahnung hatte wohin eigentlich und mich meine Rüstung langsam ziemlich runterzog, besonders weil sie mir ja auch noch immer den Brustkorb zusammenquetschte und mir das Atmen etwas erschwerte, doch ich hatte genug Kondition um das noch eine Weile durchzuhalten.

Auch wenn wir uns nun schon um einiges vom Zentrum der Stadt entfernt hatten, waren die Straßen immer noch voll, allerdings machte niemand hier Anstalten, sich uns in den Weg zu stellen und falls wir Verfolger gehabt hatten, hatten wir sie nun schon so weit hinter uns gelassen, das wir etwas langsamer hätten werden können. Was wir allerdings nicht taten, noch nicht.

Die Leute auf unserem Weg sprangen leicht irritiert zur Seite, bis hier her war unsere kleine Geschichte also noch nicht durchgedrungen, sehr gut.

Ich hörte die Stimme des Elfen neben mir, er klang ein wenig erschöpft, aber da konnte man ihm wohl keinen Vorwurf machen.

Ich antwortete mit ein einfachen "Weg!", dass ich ihm entgegen brüllte, da ich absolut keine Ahnung hatten, ob es überhaupt einen Unterschied machte sich für eine Richtung zu entscheiden, solange wir nicht im Kreis rannten und das vermied ich, indem ich die nächste Straße nach rechts lief, die danach wieder nach links. Vielleicht machte das ja irgendeinen Sinn.

Die Stände wurden weniger, doch je weniger Leute hier waren, desto mehr würden wir auffallen und so würde man sich sicher an uns erinnern, kurz vor einer weiteren Kurve zog ich uns also nun doch in eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern und hinter ein paar Kisten. Ich wusste nicht, wo wir waren, ich wusste nicht, wie wir am schnellsten dieses verdammte Stadt hinter uns lassen konnten und ich wusste auch nicht, was ich überhaupt mit diesem Typen hier anfangen sollte, ich konnte ihn ja schlecht wieder mit nach Hause nehmen, allerdings konnte ich es auch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, ihn einfach hier zurück zu lassen.

Ich legte eine Hand auf den kalten Steinboden, während ich einige Male tief Luft holte, doch es hatte keinen Sinn zu versuchen, sich am Wasser zu orientieren. Der Pyuaki gabelte sich mehrfach und floss sowohl um die Stadt, als auch durch die Stadt, doch nicht schnell genug, dass ich seinen Lauf und damit den Weg zum Meer hätte fühlen können. Wenn ich das überhaupt gekonnt hätte.

Lovelian Aranath

Weg? Nun, dem war ich nicht abgeneigt; obgleich ich dem Gepanzerten wohl einen irritierten Blick zugeworfen hätte, wäre mir nicht durch und durch die schmerzvolle Realität bewusst, dass er aus gewissen kleinen "Unstimmigkeiten" genauso unter Strom stand wie ich und womöglich selbst einige Schwierigkeiten haben sollte, seine streuenden, wirren, voneinander abgekapselten Gedanken sinnvoll aneinanderzureihen und in eine schnelle, verständliche Antwort zu packen. Aber wer weiß, vielleicht orientierte ich mich zu sehr an meinem eigenen Empfinden. Noch bevor ich mich ein zweites Mal äußern konnte, führte er uns in eine enge Gasse, im Schutze einiger Lagerkisten und anderer Behältnisse, die uns immerhin für einen Moment im Verborgenen ließen. Keuchend sank ich auf meine Knie und versuchte meinen Atem zu regulieren. Dabei hielt ich die Augen unwillkürlich geschlossen. Die Dunkelheit hinter meinen Lidern verging in einer explodierender Menge bunter Blitze und Lichtpunkte, überlappenden Formen und gefächerten Strichen. Meine Ohren zuckten, als ich das Rattern und Poltern der schweren Eisenrüstungen aus der Ferne vernahm. Als ich alarmiert aufsah, bemerkte ich erst wie der Krieger ebenfalls vor mir kniete. Eine Hand hatte er flach auf den Boden gestemmt. Zunächst glaubte ich, dass er sich nur abstützte und sich auf den nächsten Sprint vorbereitete, aber beim genaueren Hinsehen war mir fast so, als tastete er den Boden ab. Obwohl er auch nicht wirklich zu tasten schien, nein, seine Hand war vollkommen ruhig und unbewegt. Er fühlte eher. Sein Kopf war etwas gesenkt, als erforderte etwas seine vollste Konzentration. Dann stimmte es, was der Hauptmann der Eisenmänner gesagt hatte. Er war nicht von hier. Wie hatte er ihn gleich noch genannt? Sicherlich schwirrte die Information noch irgendwo in meinem Gedächtnis herum, aber gerade konnte ich einfach nicht danach greifen. Das musste warten, bis wir sie hinter uns gelassen hatten. Mein Blick fiel zur anderen Seite der Gasse. Sie verknüpfte die Straße, von der wir gekommen waren direkt mit einer parallel verlaufenden. Immer mal wieder warfen vorbeiziehende Menschen Schatten an die vorderen Wände, aber bisher hatte keiner von ihnen Notiz von uns genommen. Dennoch kamen die Eisenmänner immer näher. Ich war mir relativ sicher, dass uns keine hundert Schritte mehr trennten. Eine Möglichkeit war, hier zu verweilen und zu hoffen, dass sie an uns vorbeiliefen. Zu riskant. Im ungünstigsten Fall haben sie uns keine Minute aus dem Auge verloren. Die andere Möglichkeit war, uns auf ungefilterte Intuition zu verlassen und jenen Weg zu wählen, der nach unserem Augenmaß die größten Chancen versprach, eine Flucht aus der Stadt zu ermöglichen. Ich wandte mich dem Krieger zu. "Ich denke, am klügsten ist es, uns weiterhin in eine einzige Richtung zu bewegen. Von dort, wo ich hergekommen bin, habe ich zumindest keine eingrenzenden Mauern gesehen. Wenn wir Glück haben, finden wir vielleicht hinaus."

Er hatte sich während meiner Bedenkzeit kaum geregt. Was im Namen Venterras tat er da wohl? Ich musterte ihn mit minimal reservierter Neugierde.

Tilia Malves

Was meine Konzentration nicht gerade verbesserte, war die Tatsache, dass der Kerl neben mir, sobald wir die Gasse erreicht hatten, auf dem Boden zusammenbrach und mächtig schnaufte, ganz toll. Mein Atem ging anfangs zwar auch schneller, aber ganz offensichtlich, war ich deutlich besser in Form als dieser schmale... Elf. Aber gut, vielleicht trainierte er auch nicht jeden Tag. Andere schienen dem ganzen ja nicht sonderlich viel abgewinnen zu können. Merkwürdig. Aber die gaben sich ja auch mit ihrem bescheidenen, immer gleichen Leben zu Frieden und Freiheit war für sie offenbar ein Fremdwort. Wenn sich das Wasser doch nur ein bisschen schneller bewegen würde... Zwischen ein gepressten Atemzügen meines Begleiters wurde auch ein anderes Geräusch immer lauter, dass erneute Scheppern der Rüstungen und sie kamen näher. Ich unterbrach meine Starre und richtete mich auf. "Ja, da hast du wohl...", ich hustete kurz um darüber hinwegzutäuschen, dass ich bei diesem Mal meine Stimme nicht ganz so unter Kontrolle gehabt hatte wie zuvor. Ich hielt es für keine gute Idee, ihn jetzt über meine Identität aufzuklären. Vielleicht später. Oder gar nicht. Besser gar nicht. "Also ich stimme dir da zu. Wir sollten uns beeilen, da lang?", fragte ich und deutete zum Ende der Gasse. Während ich auf seine Entscheidung wartete, lauschte ich noch einmal. Das Scheppern kam von der Straße, von der wir gekommen waren, allerdings nicht ausschließlich. Auch zu meiner linken hörte ich ein Scheppern. Wir waren bereits umzingelt. Vielleicht nicht bewusst, vielleicht waren diese Soldaten einfach willkürlich ausgeschwärmt und patrouillierten alle Gassen, doch würden sie uns finden, egal ob welchen Weg wir nahmen. Mein Blick wanderte an den Wänden hoch. Die Häuser hier waren recht klein, allerdings kamen mir alle menschlichen Behausungen winzig vor, doch war es vielleicht auch einfacher, Wohnungen in vorhandene Felsen unter dem Meer zu schlagen, als selber zu bauen. Trotzdem waren die Wände grob und boten einige Stellen um sich fest zu halten, außerdem waren da ja noch die Kisten. "Wie gut kannst du klettern?"

Lovelian Aranath

Als er die Wände mit Bedacht musterte und seine Frage stellte, wühlte Skepsis meine mau zusammengewürfelten, unplausibel konstruierten Pläne auf, die ich spontan in meinem Hinterkopf gesponnen hatte, um mich im Angesicht meiner unumgänglichen Hilflosigkeit nicht selbst in Verärgerung zu steigern. Ich hasste diese Hilflosigkeit, aber welchen Nutzen hatte es, mich bei einem komplett Fremden über einen Umstand auszuweinen, den kein anderer zu verschulden hatte, außer vielleicht ich selbst, wenn ich Gefallen daran hätte, hart mit mir ins Gericht zu gehen. Wenigstens musste ich ihm nicht gestehen, dass ich absolut unfähig im Klettern war. Meine Finger tasteten flüchtig die unebenen kantigen Stellen der Mauer ab. Das Haus war aus einer hellen, trockenen Art von Stein errichtet, ein Material, dass ich so bisher weder angefasst noch gesehen hatte. Auch die genaue Bauweise erschloss sich mir nicht durch bloßes Hinsehen. Alles, was ich in der kurzen Zeit an Informationen herausfilterte, war, dass die Oberfläche an vielen Stellen bröckelte und die Blöcke nicht auf exakt gleiche Weise bearbeitet waren, denn sie waren unförmig, nicht annähernd identisch wie es von Weitem bei einfachem Mauerwerk war, das die Wände der meisten anderen menschlichen Heimstätten ausmachte. Es war sicherlich anders solche Häuser zu erklimmen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich große Schwierigkeiten dabei haben könnte. Obwohl ich nicht alle Zweifel ersticken konnte, als ich dem Krieger bestätigend zunickte. "Ich lebe praktisch auf Bäumen. Das sollte funktionieren", erwiderte ich mit der geringsten Spur von Unsicherheit in meiner Stimme und stellte anhand des Lärms der Eisenstiefel fest, dass uns nicht viel Zeit blieb. Ich warf einen letzten Blick über die Kisten, ehe ich eine Stelle der Wand fest mit meinen Fingerkuppen umklammerte.

Tilia Malves

Gut, dann musste ich mir um ihn ja schon mal keine Sorgen machen und konnte mich mehr auf meinen eigenen Aufstieg konzentrieren.

Ich streckte noch einmal meine Hände aus, diesmal aber zu beiden Seiten. Unsere Gasse war recht breit und wenn ich das Bedürfnis verspürt hätte, zwischen beiden Seiten der Häuser hin und her zu springen hätte das wohl auch funktioniert, wäre nur vielleicht die schnellste und gleichzeitig sicherste Methode gewesen.

Der Elf neben mir griff direkt an einer Stelle der Wand zu und machte sich an den Aufstieg, während ich noch einmal meinen Blick schweifen ließ, ein letztes Mal, denn so dicht wie die Eisenmänner zu sein schienen, konnte ich auch keinen weiteren riskieren.

Anders als mein Begleiter setzte ich meinen Aufstieg also nicht an der Wand direkt an, sondern bei den Kisten, die sich ohne weiter besteigen ließen, auch wenn mir der Stapel etwas wacklig vorkam. Immerhin kam ich gut und schnell voran, doch zeigte mir ein Blick nach oben bereits, dass ich so nicht den ganzen Aufstieg hinter mich bringen können würde und nach der letzten Holzkiste musste auch ich auf die alten Steine zurück greifen. Ich hätte gerne vorher noch meine Schuhe ausgezogen um mir einen besseren Halt zu verschaffen (und weil ich Schuhe grundsätzlich ablehne), doch ließ mich das Scheppern von Metall keine Sekunde mehr zögern.

Direkt über mir war ein Stein aus der Mauer gebrochen und hatte eine Öffnung hinterlassen, in die ich leicht greifen konnte, allerdings wenn so weit oben bereits ein Stein fehlte, war das kein sonderlich gutes Zeichen für die Bausubstanz. Menschen....

Ein paar Steinkrümel fielen mir auf den Helm und machten ein leises Klonk, doch als ich wieder nach oben sah, konnte ich schon die Dachkante sehen. Mit beiden Händen griff ich danach und spannte meine Arm- und Bauchmuskeln an, um mich daran hoch zu ziehen und ein Bein über die Kante zu werfen, dann rollte ich mich flach auf den Rücken und blieb erstmal für einen kurzen Moment bewegungslos liegen, bevor ich mich nach meinem Begleiter umsah.

Die Schritte waren direkt neben uns für einen Moment zum stehen gekommen. Ich lauschte, ob sie uns wohl gehört oder gar gesehen hatten.

Lovelian Aranath

Dafür, dass er er zusätzliches Gewicht an seinem Körper trug, und das nicht zu knapp, bewies der Kerl eine Gewandtheit, die ich ihm zugegebenermaßen nicht in erster Linie zugetraut hätte. Außer meinem Umhang, der üblichen Kleidung aus Leinen und Leder, meine Tasche und einigen Beuteln an meinem Gürtel trug ich nichts bei mir und dennoch erreichten wir nahezu zeitgleich die Dach, schwangen uns über die erhobene Kante und verweilten still wie zwei Leichen mit dem Rücken auf dem trockenen Stein, dessen Oberfläche in der Sonne brannte. Außer die geringfügigen Drehungen meines Hauptes und meiner Ohren wagte ich keine unnötige Bewegung. Ich maßte mir nur den Versuch an, ihren ungefähren Standort zu bestimmen und eine Idee davon zu kriegen, was dort unten vor sich ging. Zu meiner Überraschung erstickten die rasselnden Laute ihrer Rüstungen in der übrigen Geräuschkulisse, die sich aus Schritten, Rufen, Gelächter, Hämmern, Schleifen, Kratzen und anderen Einflüssen der lebendigen, vielfarbigen Kultur der Menschen zusammensetzte. Ich hatte selbstverständlich nicht gehofft, aber durchaus erwartet, dass sie uns nicht einen Augenblick aus den Augen verloren hatten. Doch wie es schien war ihnen entgangen, dass wir in die Gasse geflüchtet waren und nun tappten sie bezüglich des Aufenthalts ihrer zukünftigen Kerkerinsassen im Dunkeln. Ich hielt den Atem an. Ich vernahm wieder ihre Schritte, aber sie waren langsam, plan- und zwecklos, als sie sich in verschiedene Richtungen streuten, auf der Suche nach einem auffälligem Merkmal der näheren Umgebung, das ihre Suche auf einen neuen Weg leiten würde. Nach weiteren Momenten, die mein Zeitgefühl zur Endlosigkeit hin verzerrten, heulte der Hauptmann, bis in den Knien in seiner Frustration, wie ein alternder Wolf auf, und der raue Anklang, der ihn so unverwechselbar machte, schwamm neben der zurückgehaltenen Wut in einer Tonlage, die ich nur als klagend zu erkennen vermochte. "Das darf nicht wahr sein", brachte er hervor. Ich hatte vor Augen, wie er dabei seinen gewaltigen Kiefer fest anspannte, vermutlich mit den Zähnen knirschte. "Hat denn niemand von euch gesehen, welchen Weg sie eingeschlagen haben?" Abgesehen von dem vagen, undeutlichen Gemurmel seiner Truppe erhielt der Hauptmann keine Antwort. Die Luft, die ich in meiner Lunge hatte, strich leise über meine Lippen. Ich fixierte meinen Blick auf den Krieger neben mir. Ich fragte mich, wann diese Wachen ihre schäumende Motivation verloren und abzogen. Von dem, was ich hören konnte, erweckten sie stark den Eindruck, die Straße ein paar Meter auf und ab zu wandern und wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren, manchmal vor den Gassen stehen zu bleiben, aber sie nie zu betreten, als würden sie darauf warten, dass wir freiwillig zurückkehrten. Doch als sich nichts tat, befehligte der Hauptmann seinen Männern, sich aufzuteilen. Sie bildeten Gruppen aus jeweils zwei Wachen. Eine Gruppe sollte die Straße in die Richtung zurückgehen, aus der sie gekommen waren, um die Gassen und Nischen zu prüfen, die ihren Blick nur im Vorbeigehen gestreift hatten; die andere lief in die entgegengesetzte Richtung über die Holzbrücke, die über den Fluss in das nächste Stadtviertel führte. Eine weitere Gruppe suchte die Gasse ab, in der wir uns tatsächlich versteckt hatten und alles, was dahinter lag. Die letzte Gruppe widmete ihre Aufmerksamkeit einzig und allein der gegenüberliegenden Gasse und die dort parallel verlaufende Straße. Das waren alle Details, die mein Verständnis berührten. Wenn mir etwas entgangen war, dann nur, weil der Hauptmann wohl aus einer Laune heraus angefangen hatte zu flüstern, aber warum er das tun sollte, war mir ein Rätsel, also schloss ich diese Möglichkeit vorübergehend aus.

Zwei Beinpaare stapften in geringer Distanz unter uns durch den schmalen Gang, zuerst laut, dann leiser und immer leiser, Schritt für Schritt.

Tilia Malves

Der Junge war flink, verdammt flink, aber er hatte ja gesagt, er würde in den Bäumen leben, vielleicht war das dann ja normal. Leichtfüßig war er neben mir in eine Haltung übergegangen, die ähnlich der meinen war. Ich hielt den Atem an während wir lauschten. Ich sah, wie sich seine Ohren auf eine Art bewegten, die vermutlich nicht ganz normal war. Zumindest brauchte man dafür Muskeln, die ich ganz sicher nicht besaß. Von unten kam das Gebrüll des Hauptmannes und damit auch die Erleichterung. Sie hatten uns verloren, aus den Augen verloren und keine Ahnung, wo wir abgeblieben waren. Keiner kam auf die Idee, hier oben nach uns zu sehen. Ich gratulierte mir in Gedanken zu dieser schlauen Idee und nun wagte ich es auch wieder, den Kopf zu heben. Ich rollte mich behutsam auf die Seite und setzte mich dann auf, wobei ich es vermied auch nur das leiseste Geräusch zu verursachen, doch die Schritte unten wurden leiser, fürs erste waren wir aus dem Gefahrenbereich. Aufzustehen traute ich mich allerdings noch nicht, für den Fall das unten noch jemand stand. Langsam robbte ich auf die Dachkante hinzu und spähte darüber. Nichts, sie waren tatsächlich abgezogen und soweit ich die Straße hinab sehen konnte, waren sie auch nicht mehr in der unmittelbaren Nähe. Was ich von meiner Position aus allerdings erspähen konnte war der Fluss, der sich unter einer Brücke hindurch wandte. Gerne wäre ich direkt über die Dächer auf ihn zu gelaufen und hinein gesprungen, doch war ich nicht so verrückt, jetzt alles zu ruinieren. Der Hauptmann wusste über meine Identität Bescheid oder hatte zumindest eine Ahnung, dass sie da die Kanäle nicht kontrollierten war dann doch sehr unwahrscheinlich. Schade. Nun endlich erhob ich mich, allerdings platzierte ich mich dazu in der Mitte des Daches, damit die Menschen, die von unten herauf blickten nicht in der Lage waren, mich zu sehen.

Ein paar mal drehte ich mich im Kreis um mir einen Überblick zu verschaffen. In einiger Entfernung konnte ich den Markt noch ausmachen, allerdings hatten wir bereits einigen Abstand gewonnen. Trotzdem schienen wir noch relativ Zentral in der Stadt zu sein und ganz offensichtlich war sie um einiges größer, als ich bisher angenommen hatte. Jedoch hatten wir in Richtung Osten (wie ich anhand des Sonnenstandes mutmaßte) einen deutlich geringeren Abstand zu dem, was ich als Stadtrand ausmachte als an allen Seiten. Außerdem wurden hier die Häuser flacher. Vielleicht handelte es sich dabei ja um ein ärmeres Viertel. Was mir auch aufgefallen war, war dass der Fluss sich seinen Weg in die entgegengesetzte Richtung bahnte. Na ganz toll. Aber es war egal, solange ich außerhalb der Stadt war, konnte ich meinen Weg schon gehen. Ich deutete in die Richtung: "Da lang?", fragte ich mit tiefer männlicher Stimme.

Lovelian Aranath

Ich blinzelte der Richtung entgegen, zu der sich sein Arm ausstreckte und in das Stadtbild einfügte. Kleine, quadratische Bauten mit flachen Dächern verursachten auf den ersten Blick einen übersichtlichen Eindruck, ein leichtes Labyrinth aus Häusern und Gassen, die ihrer parallelen Anordnung voraussehbar und bequem zu beschreiten schienen. Der Eindruck täuschte, zumindest im Sinne einer kinderleichten Orientierung. Die schmalen Straßen waren tatsächlich von unterschiedlicher Breite; sie kreuzten sich an unendlich vielen Stellen, sie waren mit provisorischen Wäscheleinen behangen, die sich von Fenster zu Fenster spannten und Laken trugen, die in der Sonne trockneten. Ich filterte aus dem üblichen Rauschen des städtischen Treibens relativ viele Kinderstimmen. Beim genaueren Hinsehen fiel mir auf, wie sie zwischen den Häusern wie Feldhasen um die Wette rannten. Vor den Haustüren erledigten die Erwachsenen ihre alltägliche Arbeit. Schuhe putzen, Wäsche aufhängen, Staub auf den Eingängen kehren, Handeln, Feilschen, Schwatzen und Tratschen, Letzteres mehr eine Tat aus Gewohnheit als wirkliche Arbeit, aber warum sollte man es ihnen verdenken? Ich konnte von hier oben kaum ausmachen, was sie sagten, aber sie wirkten nicht, als hätte sie die mögliche Anwesenheit der Eisenmänner aus der Fassung gebracht, wie es auf dem Marktplatz der Fall gewesen war. Mein Blick wanderte zum Horizont. Die Dichte der Häuser verringerte sich. Auf große Distanz, das schon, aber in die anderen Richtungen setzte ich noch weniger Hoffnung auf einen schnellen Weg aus dem Unheil. "Ja, das denke ich auch. Ich frage mich nur, ob wir schnell genug entkommen, wenn wir den beiden Männern, die dort entlang gegangen sind, noch einmal über den Weg laufen. Die Straßen sind so schmal.. und diese Menschen dort, besonders die Kinder..." Schwierige Plagen. Interessant wäre es schon vorher zu erfahren, wie sie auf Fremde reagierten, wenn sie uns als solche wahrnahmen. Höchstwahrscheinlich, dachte ich. Aber eigentlich konnte ich es, wenn ich das Treiben in diesem Viertel so beobachtete, nicht so gut einschätzen, wie ich gewollt hätte. Ich blieb vorerst nah am Boden gekauert, bis ich meine Hände auf die Dachkante legen konnte und prüfte die Gassen in unserer Nähe. Ich suchte den Blick des Kriegers und nickte zum Boden hinunter, als Zeichen, dass ich plante mich jetzt schon an der Wand entlang zu hangeln.

Tilia Malves

"Oh, um die zwei Eisenmänner würde ich mir keine Sorgen machen...", murmelte ich in meinen Helm, allerdings war ich nicht sicher, ob er es auch gehört hatte. Ich hätte gerne gewusst, ob dieser schmächtige Junge wohl kämpfen konnte, ob ich in einem möglichen Kampf Unterstützung von ihm erhalten würde. Mein Blick wanderte über die Straße und ein leichter Windhauch strich mir über das wenige bisschen Haut das frei lag, beziehungsweise an die der Wind durch irgendwelche Ritzen gelangen konnte. Ich mochte den Wind, man mag wohl am meisten die Dinge, die ungewöhnlich und anders sind. Zumindest geht es mir so. Andere scheinen vor dem neuen und fremden Furcht zu haben. Ich hatte wenig Verständnis für solche Leute, allerdings würden sie wohl auch nicht so oft in die Situation geraten, von Soldaten durch eine unbekannte und vielleicht gefährliche Stadt gejagt zu werden, die einen entweder einsperren oder direkt töten wollen. Ich konnte die Strafe für das Vergehen das uns vorgeworfen wurde nur schlecht einschätzen, weil ich die moralischen Grundsätze der Menschen nicht kannte, was ich aber ziemlich genau wusste war, dass unsere Flucht uns sicher keinen Sympathiebonus gebracht hatte.

Ich bemerkte, dass auch er meinen Blick suchte und ich nickte ihm zu, woraufhin er über die Dachkante glitt und aus meinem Sichtfeld verschwand.

Ich seufzte kurz, wieder klettern, wieder schnell sein, denn auch wenn keine Eisenmänner mehr hier waren, würde es den Bewohnern sicherlich merkwürdig vorkommen, wenn zwei dubiose Gestalten an einer Hauswand herum kletterten. Im schlimmsten Fall würden sie denken wir wären Einbrecher oder etwas ähnliches.

Allerdings mussten wir ja irgendwie hier runter kommen, also machte ich mich mit einem widerstrebenden letzten Blick daran, dem Elfen zu folgen.

Lovelian Aranath

Der Krieger antwortete mit einem Murmeln, dessen Sinn ich mir aus einzelnen Wörtern erschließen musste. Kurz darauf tauchte er neben mir auf. Komischerweise hatte er den Helm bisher kein einziges Mal abgenommen. Es musste furchtbar stickig unter dem Teil sein, besonders nachdem wir (vermutlich) um unser Leben gerannt waren. Ohne Frage hatte er seine Gründe - ich wusste nur nicht welche. Aber die Sorge um eine weitere Begegnung mit den Eisenmännern ließ ihn relativ kalt, wenn ich das beurteilen konnte. Mir kam der skurrile Gedanke, dass er in seinem Leben schon das ein oder andere erlegt hatte. Vielleicht ein großes Tier. Oder sogar zwei. Oder Menschen, das war auch eine Möglichkeit. Im Nachhinein fand ich es gar nicht mehr so skurril, wenn ich ehrlich mit mir selbst war. Und so kamen viele Möglichkeiten seines Wesens in meinem Kopf zustande, die fürs Erste in ihrem weder wahren noch unwahren Zustand verweilen mussten. Zu schade, ich hätte ihn wohl ausgefragt, würden wir nicht zwei Meter über den Boden an einer Hauswand hängen. Mir wurde bewusst, dass ich ihn schon wieder intensiv anstarrte und praktisch wie ein Windspiel hin und her pendelte. Ich machte mich daran, auf den Boden zurückzukehren. Das kleine Heim - seine Wandhöhe betrug nach meiner groben Einschätzung vielleicht etwas unter vier Schritt - stellte zwar keine große Hürde zwischen uns und dem Boden dar, aber wie es oft der Fall war, gestaltete sich der Weg nach unten etwas komplizierter als der Weg hinauf, weil man sein Ziel aus Gründen der Beschränkungen der eigenen Anatomie einfach nicht im Blick hatte. Denn besonders bei steilen, glatten Hindernissen, wie diese Wand etwa, war es nicht möglich sich wie ein zähes und weiches Stück Rinde zu verbiegen und zu verdrehen ohne in der Mitte durchzubrechen. Aber der größte Störfaktor bei unserer Unternehmung war wohl die Tatsache, dass wir vor den bohrenden Blicken der Einwohner genauso wenig geschützt waren wie vor der Gefahr mit einem Fuß in einen der Holzkübel zu landen, die sich im Schatten der Ostwand des Hauses stapelten. Selbst als ich mich stracks hinunter hangeln ließ, die Arme gänzlich ausgelastet, hatte ich nicht das Gefühl, mich ohne Weiteres hinunterfallen lassen zu können. Ich zog meine Beine daher Stück für Stück hoch und winkelte sie unter beträchtlichen Kraftaufwand an, meine Sohlen fanden geringfügigen, aber hoffentlich ausreichenden Halt an der Wand. Zu meiner Rückenseite war es etwas ruhig geworden, als fehlte der fließende Ton einiger Stimmen im gesamten Klangbild des Viertels. Ich schloss die Augen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich abzustoßen und dann zu springen, um dem Gerümpel dort unten auszuweichen. Hoffentlich sahen wir nicht allzu verwegen aus. Andererseits konnte man immer noch auf die Vernunft der Wenigen in diesem Sammelbecken von unangenehmen Gestalten hoffen, nicht wahr?

Tilia Malves

Der Abstieg war deutlich schwerer als der Aufstieg. Das Mauerwerk bot an sich immer noch genug Halt und wäre die Situation eine andere gewesen, hätte es für mich sicher kein Problem dargestellt, allerdings ließ mein Visier nur ein recht schmales Sichtfeld zu und ich musste mich schon sehr verrenken um alles im Blick zu behalten. Nach etwa einem Meter gab ich diese Methode bereits auf und hörte auch mit meinen Füßen nach einem sinnvollen Halt zu suchen. Stattdessen verlagerte ich mein gesamtes Gewicht auf meine Arme und nahm die Füße ganz von der Wand weg, ließ mich nur von meinen starken Händen gehalten hängen. Das war vielleicht nicht die sicherste Methode, aber viele Alternativen hatte ich nicht und so kam ich wenigstens schnell voran. Meine Stiefel setzten auf den von Pferdemist verschmutzten Boden auf und ich wandte mich der Straße zu. Es war eingetreten was ich befürchtet hatte, allerdings schien meine plötzliche Aufmerksamkeit sie so zu verschrecken, dass sich jeder schnell abwandte, in seinem Hauseingang verschwand oder ein Gespräch mit seinem Nachbarn begann. Es sollte mir recht sein. Immerhin kamen keine hektischen Bewegungen auf, die vermuten ließen, dass einer sich aufmachte um Alarm zu schlagen.

Lovelian Aranath

Dort waren keine Menschen, die uns unangenehm entgegentraten oder gar erst zu nahe kamen. Die Hand voll von Leuten, die ihren Kopf gehoben und uns argwöhnisch, leicht verstört, etwas zwischen verängstigt und empört oder schlichtweg verständnislos gemustert hatten, als ihr Alltagsleben aufgrund der kleinen Außergewöhnlichkeit, die unser "Besuch" zwischen die Belanglosigkeit und dem unbewusst Dahinleben klemmte, minimal abdriftete. Offenbar waren sie Ärgernissen abgeneigt, so wie es jeder gesunde Verstand meines Erachtens sein sollte, es sei denn es gab etwas weitaus Schöneres zu gewinnen als die blödsinnige Form des Triumphes, die man üblicherweise durch ziellose Pöbeleien und niederträchtige Auseinandersetzungen erhielt, meistens in solchen Situationen mit einem ungleichen Verhältnis beider (selten auch mehrerer) Parteien, eine davon zu allem Überfluss von der Überzähligen gezwungen, an dem Unsinn teilzunehmen. Ich hatte so etwas bisher noch nicht oft erlebt, aber der Antrieb mancher Personen, die dem Verlangen nach Streitereien einen Teil ihres Leben widmeten, war mir nicht vollkommen fremd. Obwohl es keine Notwendigkeit war, schüttelte ich den Kopf, um mich von meinen Gedanken zu distanzieren. Was zählte, war der Weg aus der Stadt. Von dort, wo wir standen, gab es in unmittelbarer Nähe drei Reihen von Häusern, dazwischen also zwei unterschiedliche Straßen. Hinter uns verbarg sich der schmale Gang im Schatten des Hauses, auf dessen Dach wir gewartet hatten, während die Wachen aus diesem Wege in in dem Viertel verschwunden waren, das uns nun erwartete. Die anderen Häuser in dieser Reihe waren ebenfalls jeweils durch schmale Gänge getrennt. Doch links und rechts von uns dockten dort jeweils eine Reihe von kleinen Wohnhäusern an, die Seite an Seite einen langen, lückenlosen Komplex aus verschieden hohen und verbauten Heimen bildeten. Fast kam es mir so vor, als ständen wir in einem kleinen Innenhof. Die vielen Winkel und Unregelmäßigkeiten garantierten die Unberechenbarkeit des Weges, den wir vor uns hatten. Doch der Ausblick, den wir vom Dach aus hatten, ließ stark vermuten, dass wir nahezu immer einen Weg geradeaus finden sollten. Auch wenn es mir nicht unbedingt leicht fiel, versuchte ich mich darauf zu verlassen. "Also...", sprach ich meinen vorübergehenden Begleiter an, "Links oder Rechts?" Meinem Urteil nach sah Recht etwas vielversprechender aus.

Tilia Malves

Ich lauschte kurz angespannt. "Egal, solange wir uns mal beeilen, es macht keinen Unterschied.", brummte ich und schritt sofort los. Die Menschen machten einfach zu viel Lärm! Waren das die Rüstungen der Eisenmänner? Oder waren es nur Schmiede? Oder vielleicht nur das Klappern von Töpfen? Wie sollte man das denn unterscheiden können? Einer Eingebung folgend machte mich auf den Weg nach rechts und meine Augen wanderten über die Häuserreihen um eine abzweigende Straße zu finden, die nicht nur zu einem Stall oder Hinterhof zu führen schien, sondern uns möglicherweise dem Ausgang näher brachte. Die Backsteinhäuser hatten ihren eigenen Charme, den ich zuvor auch schon bewundert hatte, allerdings hatten sie den Nachteil, dass sie alle gleich aussahen! Wie sollte man sich denn hier orientieren können? Nicht nur als Flüchtiger, sondern auch als normaler Bürger! Wie konnten die Menschen nur so zurecht kommen? Ich drehte mich kurz um zu sehen, ob mir der Elf immer noch folgte, was er tat. Er war vielleicht nicht ganz so nützlich, auch wenn er mir auf dem Markt geholfen hatte, allerdings war er treu. Oder ängstlich. Oder dumm. Oder alles zusammen! Ich war mir nicht sicher, ob ich einem Fremden mit einem Aussehen wie dem meinem wirklich gefolgt wäre, allerdings schien er auch kein Kenner dieser Stadt zu sein, also schob ich die Zweifel an meinem Begleiter erst einmal zur Seite und bog stattdessen ab.

Lovelian Aranath

Verwunderung und mutmaßliche Skepsis zeichneten sich in einem deutlichen Stirnrunzeln ab, das meinen Kameraden über meine Meinung zu seiner forschen Vorgehensweise hatte informieren sollen, aber seine kurzen Antworten waren wirklich der einzige Beweis, dass er mich überhaupt auch nur im geringsten zur Kenntnis nahm. Mit anderen Worten: Ich interessierte ihn mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die Bohne. Nicht, dass ich mich zutiefst beleidigt fühlte. Ich sah selbst weder in unserer jetzigen Ausgangslage noch in einer Prognose des weiteren Tagesverlaufs einen Grund, sich nett zu unterhalten und "Freunde" zu werden. Es erschien mir sogar etwas ungewöhnlich, dass wir überhaupt noch im Zweierpack durch die Stadt zogen. Ich wusste nichts über diesen verfluchten Ort, ich lernte ihn höchstens gerade in diesem Augenblick Stück für Stück kennen. Und der Gute schien nicht besorgniserregend minderbegabt in der Orientierung zu sein. Andererseits war es ein winziger Trost nicht als Fremder und Einzelgänger in einem unbekannten Viertel herumzuirren. Ohne mich zu bemühen, ihm mit einem zweiten Ansatz oder gar einer ähnlichen Frage wie der ersten auf die Füße zu treten, behielt ich ihn schweigend aus dem Augenwinkel im Blick, während wir unseren Weg durch das Viertel langsam, aber sicher bahnten. Noch einmal erwischte ich mich, wie ich seine Rüstung im Detail unter die Lupe nahm. Er war schon auf dem überfüllten Markt aufgefallen. Hier wirkte er nahezu einzigartig in dieser Panzerung. Es fiel mir schwer, mir auch nur ansatzweise das Gesicht unter dem Helm vorzustellen. Fischmensch.

Ob er sowohl Lungen als auch Kiemen besaß? Ich spielte tatsächlich mit dem Gedanken ihn zu fragen und meine Neugier zu stillen, entschied mich sogar dafür, doch ehe ich dazu kam, verhedderte sich mein flüchtiger Blick in einer Szene, die ich gerade noch so im Vorbeigehen an einer Gasse einzusehen vermochte.

Ich war mir nicht sicher, was es war, dass meine Aufmerksamkeit in nur einer Sekunde derart entflammen ließ; ich bemerkte nur in meinem Bann, der sich wie eine giftige Mixtur aus Misstrauen, Aufregung und befürchtender Intuition anfühlte, während ich mich einem unwiderstehlichen Drang, etwas in Erfahrung zu bringen beugte, dass ich kurzerhand stehen blieb und vom Straßenrand aus direkt in den beklemmend engen Tunnel zwischen zwei mehrstöckigen Häusern starrte. Mir offenbarte sich der schmale Ausschnitt eines schattigen Innenhofs. Kalte Wände und ranzige Türen lockten die düstere Atmosphäre an, die gewisses Ungeziefer mehr als alles andere schätzte. Was mich nun an dieser Stelle festnagelte waren zwei dunkel gekleidete Gestalten, die eine dritte, auf dem Boden kniende Person mit langsamen, gefährlichen Schritten umkreisten, wie zwei Raubvögel auf einem Jagdflug. Sie schienen auf diese Person einzureden, aber es war fast als wären ihre Worte von einem schweren Akzent belegt oder ihre Sprache gar eine ganz andere. Etwas hielt mich im Augenblick davon ab, das Gesagte zu reflektieren.

Tilia Malves

Ich versuchte möglichst ruhig zu gehen, allerdings gelang es mich nicht gerade überragend gut. Wer läuft fällt auf, wer auffällt (und gleichzeitig von Wachen gesucht wird) riskiert den Tod. Gut, eigentlich eine logische Schlussfolgerung, für uns nicht zu rennen, allerdings war es uns nahezu unmöglich, nicht aufzufallen. Besonders mir. Die Stadt sah vermutlich des öfteren Bewohner von außerhalb, jedoch waren sie wohl kaum so gepanzert wie wir Lyren. Ich hatte bereits mehrfach mit den Gedanken gespielt, anzuhalten und die Rüstung abzulegen, dass hätte die Sache nur möglicherweise noch verschlimmert. Nicht nur, dass ich aufgrund meiner Herkunft eh aufgefallen wäre, ich hatte auch keine angemessene menschliche Bekleidung dabei und wie mir unterdessen aufgefallen war, hielten die Menschen tatsächlich ziemlich viel davon, möglichst viel ihrer Haut mit Stoff zu bedecken. Natürlich störten hier Beinkleider und Mäntel weniger, als daheim, allerdings war ich ihnen immer noch abgeneigt. Würde ich mich also entscheiden, meine Rüstung abzulegen, würde ich nicht nur den Schutz der Anonymität verlieren, ich würde mich auch vor den Leuten entblößen müssen. Klang nicht gerade berauschend. Plötzlich hörte ich etwas, oder besser, ich hörte auf, etwas zu hören. Das rhythmische, vertrauenserweckende Geräusch der Schritte hinter mir war verstummt und ich fuhr herum. Er starrt in eine von uns abzweigende Gasse. Was sah er? Ich trat näher und prallte direkt zurück. Ich hatte das Blitzen von Metall gesehen, in der Hand eines Mannes. Er und sein Partner kreisten drohend wie Raubfische um ihr Opfer, einen wimmernden Herrn, der auf dem Boden kniete. Mein erster Reflex war es einzuschreiten, doch war ich mir nicht sicher, ob wir uns das überhaupt erlauben konnten. Noch hatte man uns nicht bemerkt. Was wenn diese Männer dort Alarm schlugen, was wenn sie von unserer Flucht wussten, was, wenn sie selber zu den Eisenmännern gehörten?

Ich schob meinen Freund aus dem Sichtfeld der Männer, doch konnte ich mich nicht dazu durchringen, einfach weiter zu gehen und unseren weiteren Weg zu gehen. Ich hörte ein Kind weinen und spähte wieder zurück.

Lovelian Aranath

Der Krieger beendete den Bann dieser erschreckenden Verwunderung, der sich wie aus dem Boden sprießende Ranken anfühlte, meine Beine hinaufkletternd, meinen Körper einpferchend, meine Gliedmaßen quetschend, bis die Taubheit und Lähmung einer seltenen gefährlichen Aura sich unter der Decke meiner Faszination und Vorliebe für das Ungewöhnliche und Unbekannte versteckte und sich so meiner Aufmerksamkeit entzog. Ich wusste so gut wie nichts über besagtes Geschehen. Ich hatte diese Männer oder generell Leute ihren Schlags noch nie zuvor in meinem Leben gesehen. Trotzdem war mir, als wären sie einer anderen Realität entsprungen und urplötzlich überkam mich der dringende Wunsch, eine Begegnung mit ihnen zu meiden. Aber meine Gedanken wanderten zu dem Mann, offenbar Opfer einer Tat, die ich noch nicht einschätzen konnte, aber die kurz davor war, vollzogen zu werden. So wie es aussah, zerbrach sich auch mein Begleiter den Kopf darüber, denn er machte keine Anstalten sich zu entfernen. Stattdessen war sein Blick wieder auf die Gasse gerichtet. "Diese Leute.. etwas an ihnen fühlt sich ganz und gar unverständlich an..", murmelte ich mit gesenkter Stimme, wenn auch nicht flüsternd. Weite Kapuzen hatten ihr Gesicht verdeckt und die langen Roben taten gut daran, Rückschlüsse aufgrund ihrer Statur nahezu unmöglich zu machen. Noch im selben Moment, in dem ich nur da stand und lauschte, war ein dumpfer Schlag zu hören und ein gedämpftes Aufheulen, fast wie ein Schrei, der sich in der Kehle verfing und dem die Kraft und die Luft fehlte, die Stärke in den Stimmbändern, um im vollen Ton hervorzukommen.

Tilia Malves

Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass alles still stehen würde. Um uns herum wurde es ruhig und ich fuhr herum, gerade noch rechtzeitig um einen Blick auf das rätselhafte Schauspiel um uns herum zu erhaschen. Die Leute waren stehengeblieben und einige hatte sich der Gasse zugewandt, so verharrten sie einen Moment, und fuhren dann in ihren Tätigkeiten fort. Wieso tat niemand etwas? Sie hatten eindeutig die Schreie gehört, also warum? Ich konnte Angst auf ihren Gesichtern sehen. Sie wussten, was dort vor sich ging. Sie hatten sich entschieden, nicht einzuschreiten, aus Furcht. Ich sah eine Mutter die Hand ihres Kindes ergreifen, damit es bei ihr blieb. Was war dies nur für eine rätselhafte, schreckliche Stadt? Was war mit all ihren Bewohnern los? Ich spähte zurück in die Gasse, in der sich der Mann nicht mehr regte. In der offenen Tür eines Hauseinganges kauerte eine kleine Gestalt und wimmerte leise, sie hatte den Schrei ausgestoßen. Einer der zwei Männer ging auf das Kind zu und spuckte in den Hauseingang, bevor er die Tür mit einem donnernden Knall zuschlug. Der andere bückte sich unterdessen, packte die Gestalt am Boden und drehte sie um. Er wischte seiner Klinge und dessen Kleidung und erhob sich dann wieder. Ich schaffte es endlich einen klaren Kopf zu bekommen und trat endgültig von der Gasse weg. "Noch haben sie uns nicht gesehen, komm.", befahl ich meinem Begleiter und setzte mich sofort in Bewegung. Meine Stimme war fest gewesen, tief und kalt, durchdrungen von einer gelogenen Ruhe. Meine Hände ballte ich zu Fäusten, damit sie nicht anfangen würde zu zittern. Ich hatte gerade mitangesehen, wie ein Leben beendet worden war, auf offener Straße, unter Zeugen. Niemand in dieser Stadt war sicher.

Lovelian Aranath

Ich hatte nach wie vor nicht das ausreichende Maß an persönlichen Erfahrungen mit der menschlichen Lebenswelt, um jetzt eine Entscheidung zu fällen, die keinen Zweifel an irgendetwas in mir hervorbrachte. Die Anzahl aussagekräftiger Begegnungen mit diesem Volk ging vermutlich, meines Wissens, gegen Null, was ich inzwischen als einen immer umfangreicheren Nachteil empfand, wenn ich die Vielfalt an unterschiedlichen Gefahrenzonen in einer einzigen größeren Menschensiedlung bedachte. Meinen Atem, den ich bisher unbewusst festgehalten hatte, ließ ich langsam, unregelmäßig durch die Nase entweichen. Der Krieger marschierte bereits entschlossen voraus, sichtlich noch mürrischer als zuvor (verständlicherweise) und bis ich wieder in der Lage war, Schritt mit ihm zu halten, hatte ich die unumstößliche Gewissheit, einen Mord beobachtet zu haben, in all den umherwirbelnden Fakten und Ansichten, die sich in solch einem kurzen Zeitraum gebildet und manifestiert hatten, ein winziges Stück weit aus meinen Gedanken verdrängt, als ich mich fragte, ob er vielleicht die leiseste Ahnung hatte, wer diese unheimlichen Personen mit der eigenartigen Aura waren. Er schien nicht direkt aufgebracht über jene Szene zu sein, die sich vor unseren Augen abgespielt hatte, aber ich hatte angenommen, dass er das Geschehene zumindest hinter den Mauern seines Verstandes (und seines Helms) analysierte. "Eine Ahnung, was das gewesen sein könnte?", murmelte ich, während ich neben ihm her ging. "Etwas an ihnen war absolut seltsam.."

Tilia Malves

Der Elf stellte mir eine Frage, ich würdigte sie zunächst mit keiner Antwort. Ich musste mich tatsächlich sehr zusammenreißen eine militärische Stille beizubehalten. Schließlich sah ich immer noch aus wie ein Soldat, die kannten doch Gewalt und normalerweise waren sie auch recht wortkarg. Die Gedanken in meinem Kopf stürmten in 20 Richtungen gleichzeitig und ich hatte Mühe ihnen allen gleichzeitig nachzugehen, ohne sie laut auszusprechen.

Waren diese Männer Attentäter? Waren sie Teil einer Bande die mordend durch die Gegend zog und der man nicht Einhalt gebieten konnte? Waren das Magier? Waren das möglicherweise eine Art von Wachen? Eine Geheimwache vielleicht? War das etwa durch den Herrscher angeordnet worden? War das legal? War das alltäglich? Wieso sahen sie so aus, wieso verbargen sie sich? Waren das überhaupt Männer? Waren das überhaupt Menschen? Was waren ihre Ziele? War dieser Mord gerechtfertigt?

Die letzte Frage strich ich in Gedanken durch, Mord konnte niemals gerechtfertigt sein, so eine geringe Moral konnten nicht einmal die Menschen haben, oder?

Etwas an ihnen war absolut seltsam, in der Tat. Seltsam was sie taten, wie sie aussahen, wer sie waren und besonders, warum niemand einschritt.

"Ihrem Verhalten nach sind sie niemand, dem wir nochmal begegnen wollen. Komm jetzt, es ist nicht mehr weit!", brummte ich.

Lovelian Aranath

"Welch wertvolle Bemerkung", wäre mir beinahe herausgerutscht, hätte ich nicht zuletzt eingesehen, dass er in einem Punkt Recht hatte: Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, wilde Vermutungen und Theorien aufzustellen, obgleich es mir nicht leicht fiel, meinen Kopf zurechtzurücken und auf die Höhe unserer Priorität zu bringen und zwar einen Weg aus der Stadt herauszufinden. Ich musste etwas zähneknirschend zugeben, dass er derjenige von uns beiden war, dessen pragmatische Veranlagungen uns davon abhielten, nicht von dieser Priorität abzuweichen. "Selbstverständlich", erwiderte ich stattdessen. Zu Beginn blieben wir auf ein und derselben Straße, da sie sich in einer geraden Linie fortsetzte und über eine längere Distanz hin nicht in einem weiteren Hinterhof mündete. Erst nach knapp 400 Schritten mussten wir auf eine andere Straße ausweichen, die von mehrstöckigen Häusern umsäumt war und dadurch noch schmaler und gestauchter wirkte. Von den Männern, die uns wie Spürhunde verfolgt hatten, war nichts mehr zu sehen und langsam glaubten wir,, eine Lockerung in der Dichte der bewohnten Bauten wahrzunehmen, welche signalisierte, dass wir uns dem Stadtrand näherten. Auch das Gesamtbild unserer Umgebung war fein durchzogen von grüner, fast naturnaher Stimmung, die von dem Klang des Windes und des Vogelgesangs, der unter den wenigen Menschenstimmen und den nur noch weit entfernt polternden Wagenrädern in den Vordergrund trat, untermauert wurde. "Da wären wir", seufzte ich und legte mir skeptisch die Hand auf die Stirn.

Tilia Malves

Wir waren auf einer Brücke angelangt. Es handelte sich nicht um die Brücke, die ich auf dem Hinweg genommen hatte, allerdings würde ich dem Fluss auch so folgen können, dies sollte keine Schwierigkeit darstellen. Zumindest nicht, solange ich mich bedeckt hielt und nicht wieder von Soldaten, oder was auch immer sie waren, verfolgt wurde. Erst jetzt kam mir der Gedanke wieder, dass ich mich ja nun alleine weiter durchschlagen müsste. Wollte ich das? Es war selbstverständlich, dass ich meinen Begleiter nicht weiter mitnehmen konnte, es gab viele Gründe, die dagegen sprachen, aber auf eine merkwürdige Art und Weise hatte ich seine Gesellschaft doch genossen, irgendwie... War das so absonderlich? Oder hatte ich einfach die Gesellschaft eines anderen Wesens an sich genossen? Ich war mir da noch nicht so sicher, was ich aber wusste, war, dass wir ein gutes Team bildeten. Wir harmonierten, obwohl wie uns so stark unterschieden. Wir hatten eine unterschiedliche Art, die Welt zu sehen, aber war das so schlecht? Mir wurde bewusst, dass ich die ganze Zeit regungslos verharrt hatte. Was musste mein Begleiter nur denken? "Hier endet unser Weg nun, ich wünsche dir eine sichere Reise ab hier.", ich hielt ihm meine Hand hin, vermied es aber, in seine Augen zu blicken. Eigentlich war das unwichtig, er konnte mein Gesicht ja eh nicht sehen, aber trotzdem. Je weniger Kontakt, desto leichter würde der Abschied sein. Während mein Blick an dem Jungen vorbei wanderte, bemerkte ich ein... Zelt. Außerhalb der Stadt, fernab von einem Weg, auf einer Wiese, direkt am Waldrand. Was machte dieses Zelt da? Und wieso war es so bunt? Und wieso wackelte es darin so heftig? Es sah aus, als würde das Zelt leben. Sowieso, was war das für ein Zelt? Im Gegensatz zu dem, was ich bisher gesehen hatte, war das einfach lächerlich. Es handelte sich dabei um einen unförmigen Flickenteppich, aus dem an unmöglichen Stellen kleine Wimpel und Fahnen herausragten. Zusätzlich hatte es ein Fenster. Ein gemauertes Fenster mit zwei verschiedenen Vorhängen, einem mit Blümchen und einem gestreiften. Von der Fensterbank rankten sich mehrere Pflanzen. Das ganze Zelt zappelte. Ich war so fasziniert und überrascht, dass ich meine Hand wieder wegzog, bevor der Elf sie überhaupt ergreifen konnte.

Lovelian Aranath

Ich hielt in meinem Vorhaben, seiner Hand langsam zu begegnen inne und folgte mit meinen Augen den seinen, die, wie es aussah, auf eine Sache hinter mir fixiert waren. Ehe ich ein von mir mehrmals durchdachtes Wort des Dankes aussprechen konnte, hatte eine andere Instanz seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich drehte mich um 180 Grad und mein Verdacht bestätigte sich: Eine weitere verrückte Angelegenheit präsentierte sich vor unserer Nase, aber zum ersten Mal seit diesen Morgen traf die Beschreibung "verrückt", im absolut bildhaftesten Sinne, voll und ganz zu. Für mich war es schwer zu erkennen, ob das bunte Zelt als provisorischer Unterschlupf gedacht war oder als langfristiges Zuhause eines Jemand war, der lieber für sich blieb. Der Krieger jedenfalls schien seiner Faszination erlegen zu sein. Anfangs rührte er sich kaum und sagte kein einziges Wort. Etwas ungläubig musterte ich ihn womöglich, denn obwohl er stets wachsam war und ich sein Gesicht mir immer noch unbekannt war - er hatte wohl auch nicht vor, es mir zu zeigen, bevor sich unsere Wege trennten - hatte ich das Gefühl, dass ihn eine gewisse Neugier packte. Und mich auch, um ehrlich zu sein. Kein Wunder, es war praktisch lebendig. Zumindest war ich mir sicher, dass jene Person im Zelt vor Kuriosität sprühen musste. Ich wagte mich lautlos ein paar Schritte voran, sah aber dann nochmal zum Krieger, fragend dreinblickend.

Tilia Malves

"Da gehst du nicht ohne Begleitung hin, dass ist zu gefährlich!", brummte ich, legte eine Hand an meinen Gürtel als würde ich nach meinem (nicht vorhandenen) Schwert tasten und schon war ich neben ihm. Bloße Ausrede, aber ich wollte unbedingt von Nahem sehen, um was es sich bei dieser Kuriosität handelte. Mit schweren Schritten pflügte ich meinen Weg durch das hohe Gras auf das merkwürdige Zelt zu. Mit jedem Schritt den ich näher heran trat, wurde ein Geräusch lauter. Es klang wie Trommeln, die in der Ferne spielten, andererseits konnte ich die Schwingungen eindeutig auf das Zelt zurückverfolgen. Nach noch einigen Metern konnte ich hören, dass es sich um ein Gewirr aus Doppelschlägen handelte, die mich an irgendwas erinnerten. Meine Schritte wurden schneller. Ich roch einen süßlichen Duft, was war das? Ich war mir nicht sicher, ob ich diesen Geruch jemals zuvor wahrgenommen hatte, trotzdem wirkte er so vertraut, so wundervoll, so vollkommen. Noch einige Schritte. Das Zelt hatte aufgehört zu zappeln, stattdessen war es erstarrt und zitterte nur von Zeit zu Zeit und irgendwie... hatte ich das Gefühl, es hätte sich zu uns umgedreht, doch andererseits hatte ich es nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen und es hatte sich definitiv nicht bewegt. Ich wollte zu diesem Zelt gelangen, ich wollte es betreten, ich wollte mich mit dem Bewohner oder Bewohnern des Zeltes austauschen und vielleicht bei ihnen bleiben, bei ihnen Leben, mit ihnen sterben. Ich streckte meine Hand aus um an der massiven Tür des Zeltes zu klopfen, die vor mir aufgetaucht war. Halt! Was in Yemunes Namen tat ich hier gerade? Was hatte ich mir soeben vorgestellt? Ruckartig blieb ich stehen. Ich war in einen Bann geraten, ich, eine Lyra! Normalerweise waren doch wir es, die andere mit Lockungen betörten! Wie unangenehm, darauf reingefallen zu sein. "Willkommen mein Kind, komm setz dich." , lachte eine unangenehme Stimme. Noch während ich herumfuhr, wurde mir ein hartes Stück Holz in die Kniekehlen gerammt und ich setzte mich automatisch hin. "Auch du Kleiner, hier!", ertönte die Stimme noch einmal.

Lovelian Aranath

Widersprechend schnaufte ich, als ich die Stirn in Falten legte, denn entweder unterschätzte er mich maßlos, dank meines bisherigen Auftretens vermutlich, oder er scherte sich ernsthaft um mein Wohlergehen. Wobei ich die zweite Möglichkeit zu amüsant fand, als dass ich sie jemals in Betracht ziehen würde. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und behielt den Krieger im Auge. Während ich wie fest gewurzelt an meinem momentanen Standpunkt verweilte, näherte er sich beinahe mit einer Entschlossenheit, die mich zwar nicht überraschte, aber dennoch von einer Art war, die nicht ganz mit dem harmonierte, was ich bisher über ihn erfahren hatte. Vielleicht war Entschlossenheit nicht das richtige Wort. Er schien mir eher in einer komischen Faszination verloren, als er die Faust hob und an der Tür klopfen wollte. Aber dann geschah etwas Ulkiges, mochte ich fast sagen. Der Krieger sah plötzlich aus, hätte ein Blitzschlag ihn heimgesucht. Ein unscheinbarer Ruck ging durch einen Körper und er auf einmal wirbelte er herum, nicht mehr darauf aus, das Zelt zu betreten. Dann sackte er zusammen und eine unbekannte Stimme rief vom Zelt aus zu mir herüber. Mein Misstrauen gegenüber jener Forderung hinterließ vielleicht einige Spuren auf meinem Gesicht, aber dennoch folgte ich ihr. Noch war ich davon überzeugt, mich jederzeit zur Wehr setzen zu können.

Tilia Malves

Sobald ich saß, fuhr ich herum um mich nach der Ursprung dieser Stimme umzuwenden, doch niemand war da. Als ich mich wieder nach vorne drehte, zuckte ich zusammen. Eine merkwürdige Gestalt saß mir gegenüber an einem Tisch und der Elf neben mir, ebenfalls auf einem Stuhl. Wie war das denn jetzt passiert? Wie hatte er das so plötzlich aufgebaut? Noch absonderlicher war jedoch der Mann, der mich breit grinsend ansah. Er hatte seine Ellenbogen auf den Tisch gestützt und tippte seine Fingerspitzen nacheinander aneinander, während er mich aus grünen Augen an funkelte. Was ich von seiner Kleidung sehen konnte, machte mich sprachlos. Er trug einen völlig schwarzen Anzug, bestehend aus mehreren Hemden, jedoch wurde dieses Bild der guten Kleidung getrübt von einer merkwürdigen Kopfbedeckung, die sein halbes Gesicht verdeckt. Der "Hut" bestand aus einer ganzen Reihe exotischer Federn, in deren Mitte eine einzelne kleine blaue Teekanne stand. Außerdem zeigten seine Finger mehrere Ringe, drei davon aus Gold mit verschiedenfarbigen Juwelen, ein schwarzer Ring, einer in Silber und einer aus irgendeinem Pflanzenmaterial. Auf seinem Handrücken erblickte ich mehrere schwarze Zeichen, die ich nicht so recht deuten konnten, und ich war mir fast sicher, in seinem schwarzen Haar einen Ohrring aufblitzen zu sehen. Völlig geschockt und überrascht starrte ich den Fremden peinlich lange an, doch er verzog keine Miene und grinste weiterhin mit weit geöffneten Augen, die mir das Gefühl gaben, als könne er durch meine Rüstung hindurch sehen. Ich errötete leicht. Darüber erschrak ich fast noch mehr, riss mich aber schnell wieder zusammen. "Verzeihung, aber wer sind sie?", fragte ich höflichst aber bestimmt. Ich wollte mir nicht sofort die Blöße geben. Während ich auf seine Antwort wartete, stieg mir ein merkwürdiger Geruch in die Nase, von dem ich mir einbildete, ich hätte ihn bereits im Wald nahe der Küste wahrgenommen. Woher kam der? "Ich bin der Händler und mehr gibt es über mich nicht zu wissen. Das ist wer ich bin und das ist was ich tue, verstehst du?", antwortete er mit ruhiger, aber leicht schriller Stimme, die irgendwie nicht zu seinem Aussehen passte. War das seine normale Stimme? Dieser Klang war ja förmlich eine Beleidigung für meine Ohren. "Ich tue den Leuten Gefallen und im Gegenzug erweisen sie sich mir als nützlich, so läuft es immer ab, manchmal aber in anderer Reihenfolge. Ich... Junge!", wandte er sich abrupt um und starrte nun meinen Begleiter an. "Egal was du gerade denkst, behalt' es für dich und wage es nicht, mich zu unterbrechen. Es stört.", fuhr er ihn scharf an, woraufhin er sich wieder mir zuwandte und wieder lächelte. Ich war sprachlos ob diesen Vorfalles. "Dass ihr heute zu mir gekommen seid, ist Schicksal..", nun unterbrach sich der "Händler" selber, drehte sich von uns weg und hustete... oder lachte, ich war mir nicht genau sicher. "Euer Schicksal, nicht meines, jedoch bin ich gerne bereit, euch den rechten Weg zu ebnen. Du", nun ergriff er meine rechte Hand und mein erster Reflex war es, sie ihm zu entreißen, doch konnte ich mich kaum einen Millimeter bewegen, so fest hatte er zugepackt, "und Du!", er griff nach der linken Hand des Elfens. "Ihr beide gehört zusammen, so wurde es prophezeit, vom Schicksal verbunden, sozusagen.", mit einem weiteren Lächeln hielt er unsere Hände aneinander und ich merkte eine seltsamen Druck um mein Handgelenk, den ich mir nicht erklären konnte. Ebenso plötzlich wie er zugegriffen hatte, ließ er uns nun wieder los. Beinahe wäre meine Hand direkt auf den Tisch gefallen, doch ich konnte mich noch rechtzeitig besinnen. "So, mein Werk ist getan, ich wünsche euch.... nichts. Meine Entlohnung werde ich bei Gelegenheit einfordern. Wir werden uns wiedersehen...", murmelte er und erhob sich.

Lovelian Aranath

Während der Unbekannte, namentlich "der Händler", seine Weissagungen aussprach, studierte ich gebannt die Zeichen auf seiner Hand. Ich konnte sie mit keinen anderen Runen, die ich zu meiner Lebzeit bisher gesehen hatte, vergleichen. Sie interessierten mich am meisten, aber auch seine Kleidung und die absurde Art, wie er sich anstellte, ließen keine Rückschlüsse auf seine Herkunft zu. War er vielleicht einfach nur geisteskrank? Wenn ja, we viele gute Geister waren dem Verstand des Mannes bereits entflohen? Verkaufte er seinen "Rat", seine Ansicht, ich wäre auf tieferer Ebene mit dem Krieger zu meiner Rechten verbunden, vom Schicksal vereint, wie er behauptete, als einen Gefallen, für den er verlangen konnte, was er wollte? Jetzt, wo ich darüber nachdachte, klang er doch recht dem Wahnsinn verfallen. Dennoch schaffte ich es nicht, die Faszination seines ungewöhnlichen Auftritts vor mir selbst zu leugnen. Noch mehr als sonst ging mir das aber jetzt gerade gegen den Strich, hatte er mich eben noch im Vorfeld angefahren, ihn nicht zu unterbrechen. Woher wusste er überhaupt, dass ich im Begriff war, etwas zu sagen? Mir war zu dem Zeitpunkt nicht einmal selbst klar, ob ich mich äußern sollte. Es ließ mich die Nase entnervt rümpfen. Doch es war wohl besser, vorerst den Mund zu halten. Denn sobald er unsere Hände von seinem festen Griff befreite, spürte ich noch im selben Moment, wie ein kribbelnder, einschläfernder Strom einer unbekannten magischen Präsenz meinen Arm hinaufkroch. Sofort suchten meine Augen das fremde, verschleierte Gesicht des Händlers, aber mein Blick traf ins Leere. Der Ausdruck auf meinem Gesicht musste Bände sprechen. Selten hatte mich eine Person so sprachlos und so verwirrt zurückgelassen. Er war schließlich auch ohne ein Wort gegangen! "Warum hatte ich am heutigen Tag nur komische Begegnungen mit komischen Leuten?", fragte ich mich selbst in einem tiefen Murmeln und machte mich daran, mich langsam zu erheben. Aber irgendetwas stimmte nicht.

Tilia Malves

Sprachlos sah ich meinen Begleiter an. Ich hörte den Händler hinter uns lauthals lachen. Mein rechtes Handgelenk war merkwürdig kalt, doch es war dafür keine Ursache ersichtlich. War es vielleicht die Rüstung? Ich sollte sie tatsächlich demnächst einmal ablegen. "Wem sagst du das?", fragte ich den Jungen, erinnerte mich aber erst im letzten Moment daran, dass ich ja immer noch den Krieger darstellte und so klang ich, als wäre ich im Stimmbruch. Ich räusperte mich kurz, dann erhob ich mich. Als ich mich umdrehte sah ich.... nichts. Gar nichts, außer der Wiese und dem Wald. Wieder fuhr ich herum. Auch der Tisch war verschwunden, zusammen mit den Stühlen auf denen wir vor einem Moment noch gesessen hatten! Was passierte hier gerade? "Was zum...?", entfuhr es mir. Hatte ich mir diese ganze Begegnung gerade eingebildet? Hatte ich sie halluziniert? Was war hier verdammt nochmal geschehen? Ich entfernte mich einige Schritt von dem Elf, um zu sehen, ob es hier noch irgendwelche Anzeichen gab, dass es nicht alles in meiner Fantasie geschehen war. Abdrücke im Gras etwa, da wo das Zelt gestanden hatte, oder Fußspuren, doch das einzige, was es hier zu bestaunen gab waren unsere Abdrücke. Wie war das möglich? Ich wollte noch einen Schritt nach vorne gehen, doch plötzlich spürte ich einen starken Widerstand an meinem rechten Handgelenk, gefolgt von einer eisigen Kälte. Hatte mich der Junge festgehalten? "Hey, was soll das?", rief ich, als ich herumfuhr. Doch der Elf war es nicht, er stand mit einigem Abstand zu mir, doch trotzdem war mein Arm nach hinten gerissen worden, zu ihm, in Richtung seiner Hand.

Lovelian Aranath

Dass der Mann und sein kurioses Zelt nicht mehr auffindbar waren, wurde mir auch schnell bewusst. Der Krieger schien sogar noch perplexer als ich, denn als er sprach verirrte sich seine Stimme in eine ungewöhnlich hohe Tonlage. Ich musterte ihn zuerst blinzelnd, denn für einen Frosch im Hals war der Klang des Gesprochenen viel zu melodisch, im übertragenen Sinne wohlgeformt wie eine Frauenstatuette. Ich schüttelte vehement den Kopf. Ich musste dringend zurück in meine Heimat; so langsam drehte ich am Rad. Während mein Begleiter ein paar Schritte vorausging, um unsere unmittelbare Gegend nach der irrsinnigen Gestalt auszukundschaften, starrte ich gedankenverloren in den Himmel. Eine dichte Wolkendecke kroch über das Blau hinweg und sie verzerrte sich,transformierte ihren Umriss und sog das Tageslicht ein Stück auf, als sie die Sonne erreichte. Es war nicht ganz so unerklärlich, wie es zu Beginn wirken mochte, dass ich mich außerhalb meiner Balance fühlte, vom magischen Aspekt aus betrachtet. Der Kauz hatte uns etwas angetan, aber ich hatte keine Ahnung, von welcher Natur dieses "Etwas" war und erst recht nicht, welches Ausmaß es später noch annahm. Dann hörte ich den Krieger entrüstet aufrufen. "Wovon spricht er?", fragte ich mich leise, doch ehe ich ihn persönlich fragte, was sein Problem war, glaubte ich bereits, es zu erkennen. Sein Arm war in einer geraden Linie in meine Richtung ausgestreckt und offensichtlich konnte er sich nicht dagegen wehren. Sehr amüsant auf den ersten Blick, aber kurz darauf war ich voll und ganz alarmiert. "Streikt dein Arm etwa?" Ich selbst spürte relativ wenig, außer der Empfindung eines zweiten Pulses in meinem Handgelenk, zwei unterschiedlich getaktete Lebenssignale, die mich in meiner Befürchtung zusätzlich bestärkten. "Ist es, als würde jemand anderes deinen Arm festhalten? Bemerkst du noch etwas Außergewöhnliches?", fragte ich ihn aus und stellte mich unmittelbar neben ihn. Mein Blick wanderte von seinen bekleidete Zehen bis zu seinem (ebenso bekleidetem) Haupt.

Tilia Malves

Ich war entsetzt, entrüstet, erstaunt, fasziniert, aber dies alles hinderte mich dennoch nicht daran zu bemerken, dass der Elf mich in diesem Moment zum ersten mal geduzt hatte. Entweder hatte diese gemeinsame Erfahrung ein neues Level unserer Beziehung eingeläutet, oder ich hatte deutlich an Respekt verloren. Die Rüstung verlor an Wirkung und ich an Autorität, oder sah nur ich das so? War es vielleicht unbeabsichtigt gewesen? Unbemerkt, ein Zufall und ich war wieder die einzige, die sich unnötig Gedanken machte? Vermutlich... allerdings hatte ich momentan auch bedeutend größere Probleme. "Nicht ganz. Es ist, also würde ich festhängen, an einer Kette oder ähnlichem. Es ist sehr kalt, aber... ich habe noch etwas anderes gefühlt....", ich kam ins Stocken. Ich wollte auch nicht zu viel preisgeben, er sollte ja nicht denken ich sei verrückt. Wie würde er über mich denken, wenn ich ihm sagen würde, dass ich an meinem Handgelenk einen Puls gefühlt hatte, bedeutend schneller als meinen eigenen? Ich setzte schnell meine Erklärung fort. "Ich konnte nicht weiter gehen, mich nicht weiter entfernen, so sehr ich auch wollte, aber... als du wieder zu mir gekommen bist, hat es nachgelassen." Ich grübelte kurz, dann bekam ich einen unangenehmen Verdacht. "Warte hier!", befahl ich ihm.

Langsam entfernte ich mich rückwärts von ihm, meinen Blick wandte ich nicht einmal von ihm ab. Nach einer kurzen Distanz von wenigen Metern erlebte ich die gleiche Situation noch einmal. Mein Arm wurde hochgerissen, in Richtung seiner Hand, als wären wir durch eine Kette miteinander verbunden. "Vom Schicksal verbunden...", hörte ich den Nachhall der Stimme des Händlers.

Lovelian Aranath

Wenn mich nicht alles täuschte, war der Reaktion des Kriegers ganz klar zu entnehmen, dass das Hochreißen des Arms keine Handlung war, die einer tief verwurzelten Tradition entsprang und gelegentlich praktiziert wurde, wenn der Gegenüber damit am wenigsten rechnete.

Nein, es war noch viel ernüchternder. Ich musste schon sehr blind sein, um nicht zu erkennen, dass der Kauz von eben einen Zauber gewirkt hatte und obwohl ich bezweifelte, dass ich besagtes Kunststück selbst auszuführen, geschweige denn aufzuheben vermochte, war das Resultat offensichtlich. Die einzig wirkliche Frage, die zählte, war: Warum? Warum hatte er das gemacht? Ich musste das genauer untersuchen. "Du hast also etwas anderes gefühlt? Sag, vielleicht so etwas wie ein Puls? Nicht der eigene, selbstverständlich", fragte ich über die kurze Distanz hinweg und scheute nicht, mich ihm danach noch ein weiteres Mal zu nähern. Dieses Mal zog ich ein oder zwei Kreise um ihn und untersuchte minimale Schwankungen in der befremdlichen Empfindung, begutachtete sein Handgelenk und schließlich mein eigenes, aber keine äußerlichen Merkmale wiesen darauf hin, dass wir im wahrsten Sinne aneinander gekettet waren. Nach einer Weile des Schweigens, sagte ich dem Krieger entschlossen: "Ich nehme an, wir müssen in Erfahrung bringen, wie diese Art von Verzauberung einzuordnen ist. Sag, woher kommst du eigentlich?" Zugegeben, die Frage war sehr direkt formuliert. Aber wie viel Unterschied konnte es für ihn machen? Es war nicht die leichteste Aufgabe der Welt, sich davon zu überzeugen, dass er den Rest seines Lebens an meiner Seite verbringen wollte.

Tilia Malves

Ein Puls? Er hatte es also auch gespürt. War es dann vielleicht sogar sein Puls? Lyren hatten durch ihre Anpassung an das Leben im Meer einen recht langsamen Herzschlag, also war es durchaus möglich, dass es sich dabei um den seinen handelte. Ich fühlte mich an einen Hai erinnert, so wie der Junge mich umkreiste. Mit Haien hatte ich für gewöhnlich keine Probleme, wir zollten uns gegenseitig Respekt und gingen uns aus dem Weg, so gut wir konnten. Soweit ich informiert war, hatte es bisher äußerst wenige Haiangriffe auf Lyren gegeben, tatsächlich waren einige Exemplare sogar gezähmt worden. Ich wusste mit ihnen umzugehen, normalerweise drohte mir von ihnen keine Gefahr. Wie es allerdings mit diesem Exemplar hier aussah... darüber wusste ich noch nichts. Dies war auch der Grund, warum ich ihm weiterhin nicht vertraute. "Von einem Ort Nahe der Küste. Er liegt ein wenig entfernt von hier und ist schwer zu erreichen. Du wirst ihn sicher nicht kennen...", erwiderte ich vage. Immerhin hatte ich nicht gelogen. Während ich so umzingelt wurde, schweifte mein Blick in die Ferne. Ich konnte die Ausläufer eines Waldes sehen. Er war mir nun näher als je zuvor, ich hatte noch nie so viele Bäumen an einem Ort gefunden und er verlief ins Unendliche weiter. Ein leichter Schauder fuhr mir über den Rücken. Ich erinnerte mich wieder an die Schauergeschichten, die man uns erzählt hatte, aber da war auch etwas anderes. Der Drang nach Abenteuer, der mich bereits hier her geführt hatte, lockte mich zu diesem Wald. Ich wollte ihn sehen, hören, riechen... doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt. Wenn wir tatsächlich durch eine unsichtbare Kette verbunden waren, war es mir dann möglich, an seiner Kette zu ziehen? Als sich der Junge gerade etwas weiter entfernt hatte, riss ich meinen Arm schwungvoll zurück und beobachtete, ob es irgendeine Wirkung auf ihn hatte.

Lovelian Aranath

Ich würde ihn sicher nicht kennen. Nun gut, das mochte sein, aber seine Wortwahl war ohne Zweifel dazu gedacht, mir klar zu vermitteln, dass er es mir nicht sagen wollte, höchstwahrscheinlich, weil er mir misstraute. Dass wir keine von jahrelanger gegenseitiger Unterstützung geprägte enge Freundschaft pflegten war mir bewusst, aber ich hatte ja auch nicht um seine Hand angehalten oder ihn um die Offenbarung seiner wohl behütetsten Geheimnisse gebeten, sondern nur nach seiner Herkunft gefragt. Was er wohl befürchtete? Dass ich in Wirklichkeit seit unserem ersten Zusammenstoß ein Attentat auf seine Eltern plante? Sicherlich war er nicht ohne Grund so verschwiegen. Ich wollte ihm gerade einen kritischen Blick zuwerfen und eventuell nachhaken, als eine ungewöhnliche Kraft, an meinem Arm beginnend, auf meinen Körper einwirkte, und mich zurückzerrte. Noch versuchte ich mit meinem rechten Arm zu rudern, da mein linker nicht mehr meinem Willen unterlag, aber mein Gleichgewicht schwand und ich kippte nach hinten in einer merkwürdigen Pose um. Es tat nicht sonderlich weh, das hochgewachsene Gras federte gut. Höchstens mein Arm hatte sich bei dem Fall etwas bedenklich verdreht. Doch kaum hatte ich meine Ausgangsposition verlassen, verlor die fremde Krafteinwirkung nach und ich drehte den Kopf, noch etwas schummrig, zum Krieger. Kaum hatte ich einen Schluss gezogen, musste ich auch schon sofort minimal verärgert aufseufzen. "Gut, gut, von der Küste also. Ich verstehe schon..." Ich kramte halbherzig in meinem Gedächtnis, ob mir nicht irgendetwas dazu einfiel. "Bei deiner Verschwiegenheit muss ich wahrscheinlich gar nicht erst nachfragen, aber kennen deine Leute sich vielleicht mit Verzauberungen dieser Art aus? Habt ihr Magier unter euch? Wenn nicht, würde ich einen unserer Gelehrten fragen. Ich könnte auch versuchen, meinen Lehrmeister wiederzufinden, aber es ist möglich, dass er noch in der Menschensiedlung herumirrt und mich sucht. "

Tilia Malves

Und da fiel der Elf einfach um. Einfach so, kippte rücklings ins Gras, ohne dass er etwas dagegen hatte tun können. Ein Wissen, dass ich ungemein zu schätzen wusste. Noch ehe ich es hatte unterdrücken können, war mir ein kurzes Lachen entfahren. Nur für einen Moment, doch hatte ich mich wirklich nicht beherrschen können. Dies überspielte ich nun aber mit der Beantwortung seiner Frage. "Ich bin mir nicht ganz sicher, muss ich eingestehen. Ich habe von einem solchen Bann noch nie gehört, geschweige denn, ihn selbst erlebt. Doch selbst wenn, wäre es mir nicht gestattet, dich mit zu unseren höheren Magiern zu nehmen, oder überhaupt in die Heimat. Wir haben strenge Regeln und schlechte Erfahrungen mit Fremden gemacht. Ich schlage daher vor, dass du mich zu einem Gelehrten deines Volkes führst, damit er diesen Zauber bricht. Ich schlage vor, wir brechen sofort auf." Hatte ich zu viel gesagt? Vermutlich. Aber ich hatte nicht gelogen und zumindest ein kleines bisschen Information stand ihm zu, jetzt wo wir eh aneinander gebunden waren, für wer weiß wie lange Zeit!? Ich hoffte nur, dass das Band rasch getrennt werden würde, ich wollte diese Rüstung loswerden, konnte sie aber nicht in seiner Gelegenheit ablegen. Was für ein Dilemma.

Lovelian Aranath

"Strenge Regeln, verstehe..", war meine einzige Bemerkung dazu und ich bemühte mich um einen neutralen Ton. Meine Fußsohlen scharrten in der lockeren Erde, während ich mir diese weiterhin vage Formulierung durch den Kopf gingen ließ, wenn auch diese Erklärung durchaus legitim war und in gewisser Hinsicht den Grund für sein Misstrauen teilweise erleuchtete. Ja, Misstrauen. Davon gab es im Clan der Aranath auch eine gute Portion, insbesondere unter den Älteren, wie mir über die Jahre auffiel. Vielleicht, oder eher höchstwahrscheinlich, war das der ausschlaggebende Punkt, der mich veranlasst hatte, auf weitere Informationen zu bestehen. Das, und zum anderen war der Grad des Misstrauens bei seinem Volk ein höherer als bei uns. Zumindest hatte ich nie mitbekommen, dass der Besuch eines Fremden in unserem Gebiet strengstens untersagt war, selbst wenn sich eine mehr verdeckte als offene Anspannung nicht immer vermeiden ließ. Da war diese sehr schmale Übergang zur Paranoia und Kurzsichtigkeit, der mich an Misstrauen und überspitzter Vorsicht störte. Aber was machte es für einen Unterschied? Obgleich ich neugierig auf seine Herkunft war, würde ich mich mit Sicherheit nicht bettelnd auf alle Viere werfen und ihm die Stiefel lecken. So wie ich ihn einschätzte, würde ihn ein derart selbst erniedrigendes, wissensdurstiges Verhalten eher zu Tode nerven als ihn zu erweichen und ich wollte den Kontakt zwischen seiner Faust und meinem Gesicht möglichst vermeiden. Ich verschränkte daher nur die Arme vor der Brust, beobachtete die stahlverhüllte Figur, die sich nicht vom Fleck bewegte - und sich auch kein zweites Mal einen Scherz erlaubte und den Arm zurückzog - und nickte nach meiner ausgiebigen Bedenkzeit. "Nun gut, dann machen wir uns am besten auf den Weg zu meinem Clan. Ich vertraue darauf, dass sie uns weiterhelfen können. Normalerweise ist Malion immer mein erster Ansprechpartner, aber ich vermute ihn weiterhin in der Menschensiedlung und da wollen wir uns sicherlich nicht noch einmal blicken lassen, nicht wahr? Na dann los. Einfach geradewegs in den Wald. Ich finde schon den richtigen Pfad, sobald wir zwischen den Bäumen laufen", sagte ich und deutete mit einer Kopfbewegung an, dass wir uns jetzt langsam in Bewegung setzen konnten.

Tilia Malves

"Einverstanden, lass uns aufbrechen. Wenn wir hier noch länger stehen, geht die Sonne bald wieder unter...", grummelte ich ihm entgegen und marschierte schnell drauf los. Ja, genau da wollte ich hin, ja! In den Wald! Und ich würde sogar einen Ortskundigen dabei haben, jemand, der sich vermutlich auch mit den düsteren Seiten dieser Gegend auskannte, oder zumindest mit den Schrecken des Waldes. Mit den Menschen hier kannte er sich ja anscheinend auch nicht sonderlich gut aus, zumindest hatte auch er nicht verstanden, was es mit den Eisenmännern auf sich hatte und die waren eigentlich schon Schrecken genug. Da ich meinen Weg ohne erneutes Reißen am Handgelenk fortführen konnte, war mir der Elf offenbar gefolgt. Ich spürte weiterhin seinen Puls und er sicher auch meinen. Ich versuchte mich ein wenig zu beruhigen innerlich, damit auch mein Herzschlag sich beruhigen würde. Er sollte ja möglichst keinen Verdacht schöpfen. Andererseits, wenn er sich nicht darauf konzentrierte würde er es eh nicht merken. Besonders, da mein Herz ja eh offenbar bedeutend langsamer Schlug als das sein. Ich warf einen heimlichen Blick über die Schulter und auf den Jungen. In diesem Moment wurde mir etwas klar: Die ganzen Zeit über nannte ich ihn den Elf oder den Jungen. Gut, bis eben hatten wir uns auch nicht geduzt, aber dass ich auch seinen Namen nicht kannte kam mir nun doch etwas falsch vor. Man sollte doch den Namen seines "Mitgefangenen" wissen, oder? Aber wenn ich ihn nun fragen würde, würde er doch sicher auch meinen wissen wollen, nicht wahr? Doch darum kam ich vielleicht herum, also wandte ich mich im Gehen noch einmal zur Seite. "Hey, wie lautet eigentlich dein Name?", grummelte ich erneut in meinen Helm.

Lovelian Aranath

"Wie bitte?" Es war nicht so, als hätte seine plötzliche Frage mich aus einem sehr tiefen, angenehmen Tagtraum gerissen. Nun gut, das hatte sie in gewissem Maße tatsächlich. Aber ich hatte ihn sehr wohl verstanden. Ich war nur überrascht, dass er letztendlich doch Interesse an meinem Namen zeigte. Ich war, seit wir die Stadt verlassen hatten, davon ausgegangen, er wolle Gespräche und Austausch persönlicher Informationen so sehr meiden, dass er mich am Ende unseres kleinen Ausflugs so gut kannte wie der nächste Depp von einer dieser furchtbaren Menschenstraßen. So könnte er mich innerhalb einer Woche praktisch aus seinem Gedächtnis streichen. Ich hielt ihm das keineswegs vor und verärgert war ich auch nicht. Ich fand ihn nur so eigenartig in seinem Verhalten und seine Stimme war ungewöhnlich schwankend. Manchmal hörte es sich an, als springe sie von einer Oktave in die andere. Nun aber hatte dieser Kerl mit dem sonderbaren Teekannen-Hut und dem lebendigen Zelt die ganze Angelegenheit verschlimmert, insbesondere seitens des Kriegers von welchem Volk auch immer. Ich nahm an, dass er mich aus Höflichkeit nicht "Elf" oder "Kerl mit den Riesenohren" bezeichnen wollte. Ich verlangsamte meine Schritte nach und nach, um nicht zu stolpern - denn er würde sicher nicht aus den Stiefeln kippen - und blieb schlussendlich kerzengerade stehen. "Lovelian", antwortete ich, legte die Handflächen diagonal aufeinander und vollzog ein deutliches Nicken in seine Richtung, während ich mich leicht vorbeugte. "Von den Aranath.", fügte ich dann etwas eiliger hinzu. Der Augenkontakt sollte eigentlich bei jeder neuen Bekanntschaft direkt und intensiv sein, aber was tat man bei Leuten, die ständig einen Helm trugen? Ich musste zugeben, dass ich davon nicht viel wusste. Generell nicht von dem Festigen einer Bekanntschaft, die nicht meiner Art angehörte. Und er konnte selbstverständlich auch von diesem Detail nichts wissen. Aber wie auch immer, nun war ich an der Reihe. "Und du?"

Tilia Malves

Ich war schon überrascht, dass er mir so leicht antwortete. Ich hatte es ehrlich nicht erwartet, warum wusste ich auch nicht genau. Vermutlich, weil es die Distanz zwischen uns irgendwie sehr schnell überwand. Es war wirklich komisch. Ich hatte sehr gemischte Gefühle gegenüber diesem Elfen... dein, halt. Gegenüber Lovelian. Ich beobachtete seine Geste genau, war mir aber nicht sicher, ob ich sie nicht entweihen würde, wenn ich sie nun imitierte. Vielleicht machte das Gegenüber der Elfen ja eine ganz andere Geste? Oder gar keine? Ich beschloss nichts zu riskieren und entschied mich für die Begrüßung der Lyren. Ich wiederholte seinen Namen laut und deutlich, dann schloss ich meine rechte Hand zu einer Faust und legte sie mir an der Stelle auf die Brust, an der sich mein Herz befand. Dann senkte ich leicht den Kopf und bewegte diese Hand in seine Richtung, wobei sich meine Hand langsam öffnete. Sein Herz verschenken, wurde diese Form der Begrüßung genannt. Üblicherweise wurde sie vom Gesprächspartner wiederholt, doch dass konnte er ja nicht wissen. Sie wurde als Begrüßung benutzt, bedeutete aber im ursprünglichen Sinne die Bereitschaft, seine Gedanken und Gefühle mit einer anderen Person teilen zu wollen. Von Liebenden wurde sie mit beiden Händen ausgeführt, als Zeichen dafür, dass niemand sonst den gleichen Platz im Herzen der Person einnehmen könnte. Wird diese Geste angenommen, schließt der Partner seine Hände über den Händen, die sich zu ihm Ausstrecken. Aber es gibt noch viele Gesten, die man bereits früh lernen muss, aber normalerweise nie braucht. Ich spreche aus Erfahrung. Da ich letzteres hier allerdings nicht brauchte, öffnete sich nur meine rechte Hand in seine Richtung und ich wandte mich von ihm ab. "Malves.", brummte ich und setzte damit unseren Weg fort.

Lovelian Aranath

"Malves, nun gut..", summte ich sanft. Wie auch ich, wartete der Krieger keine korrekte Reaktion von meiner Seite ab, denn wie erwartet kannte ich seine Grußformel nicht. So setzte er mit Auslass eines zweiten Blickes in meine Richtung den Weg fort und ich schloss schweigend zu ihm auf. Nachdem ich seinen Namen erfahren hatte, war unser Gespräch praktisch tot, aber ich störte mich im Moment wenig daran. Der Wald schüttelte mich wach und ich begann zu realisieren, wie meine Sinne im lauten, hektischen Treiben der fremden Siedlung erstarrt gewesen waren. Weite Pupillen sensibilisierten meine Augen für einen Großteil der Schwankungen von Licht- und Schattengraden. Und gerade das Licht war es, das alle einhundert Schritte zu einem seltener werdenden Vorkommnis reduziert wurde, bis sich die Helligkeit auf einem konstanten Level hielt.

Hier, in den Tiefen der Wälder, besonders auf der untersten Ebene, bildeten die prächtig überwucherten Kronen der Baumriesen gelegentlich ein so dichtes Pelz, das man den Eindruck hatte, in der Dämmerung zu laufen, wären da nicht die einzelnen Lichtschimmer, die ausgewaschene Muster auf die nahe Umgebung warfen. Unterwegs griff ich einen längeren Ast auf, der vom Gefühl in der Hand meinem Stab ähnlich war. Ich fragte mich inzwischen, warum ich heute morgen entschieden hatte, ihn nicht mitzunehmen. Aus Angst ihn zu verlieren, vielleicht? Das war zumindest eine plausible Erklärung. Anzeichen einer Zivilisation zeichneten sich inmitten einer Wildnis deutlicher ab, als woanders. So merkte wohl auch mein Begleiter schnell, dass wir uns dem Clan näherten. Nicht lange und wir konnten bereits genauere Umrisse der in Höhen gelegenen Bauten ausmachen und ein Gemisch aus bekannten Stimmlagen drang an mein Ohr.

Tilia Malves

Nach unserem kurzen Gespräch durchdrang Schweigen unseren Weg. Wir hatten uns wenig zu sagen. Er hatte Respekt vor mir und ich konnte ihm aus mehreren Gründen schlecht etwas erzählen. Und hätte ich ihn etwas gefragt, wäre ich entweder direkt als fremd enttarnt worden, oder als aufdringlich betitelt worden. Außerdem hätte ich weiterhin meine Stimme verstellen müssen und darauf hatte ich gar nicht mal so viel Lust. Auch wenn es mich wahnsinnig machte, gar nicht zu reden. Oder etwas erzählt zu bekommen. Lag vielleicht daran, dass ich in einer Großfamilie aufgewachsen war. Da war es selten ruhig. Allerdings hatte ich etwas anderes, mit dem ich mich beschäftigen konnte und da keiner von uns einen Ton von sich gab, konnte ich die Umgebung besser hören. Und da gab es tatsächlich reichlich. Das Knacken der Äste, das Rascheln der Blätter, das Zwitschern und Krächzen der Vögel, das leise Fiepen der Mäuse, die Geräusche der Insekten auf dem Boden. Und dann noch die Gerüche! Wenige kannte ich davon und noch weniger konnte ich benennen. Aber zumindest den Duft von Melisse konnte ich eindeutig bestätigen, was aber auch nur daran lag, dass es in meinem Wald Unmengen davon gab. Dennoch merkte ich schnell, wie sehr sich diese Wälder doch von einander unterschieden. Meiner war eindeutig viel kleiner und lichter, die Bäume waren niedriger und standen bei weitem nicht so dicht beieinander. Außerdem kam es mir in meinem Wald auch deutlich heller vor. Aber da gab es sicher einen Zusammenhang mit den Bäumen. Viele davon hatte ich nie gesehen, ich hätte gerne ihre Namen gewusst, doch konnte ich den Elf, ähm, ich meinte natürlich, Lovelian schlecht fragen. Das würde sicherlich ebenfalls äußerst merkwürdig erscheinen. Sicherlich waren sie alle ganz alltäglich.

Aus diesem Grund gab ich mir auch Mühe, möglichst nichts von meiner Bewunderung zu zeigen. Ich konnte ja schlecht stehenbleiben, mich hinknien und irgendein Unkraut begutachten. Er würde mich für komplett wahnsinnig halten. Ich schritt also weiter voran, auch wenn ich den Blick ab und an schweifen ließ. Aber daran war doch nichts verwerfliches, oder? Nein, daran konnte er doch sicher nichts absonderlich finden... oder? Nein, sicherlich nicht. Langsam mischte sich ein neues Geräusch in den Vogelsang ein. Waren wir nun nahe seines Dorfes? Oder Stadt? Oder Siedlung? Wie genau wurde dieser Ort denn überhaupt bezeichnet? Nun gut, vielleicht würde ich das ja noch in Erfahrung bringen können. Vielleicht auch nicht. Ich ließ mich überraschen und bereitete mich geistig darauf vor, gleich wieder auf andere Wesen zu treffen.

Lovelian Aranath

Links und rechts von uns standen ein paar der massiven Werkbänke, die zur Reparatur von Rüstungen, Waffen und anderweitigen Leder- sowie Fellarbeiten verwendet wurden, auch einige leer geräumte Waffenhalter, Strohballen und Zielscheiben. Weiter oben waren Seile von Ast zu Ast gespannt, an denen gewaschene Kleidung getrocknet wurde. Weiter hinten im Wald auf einer Lichtung erkannte man den kleinen provisorischen Übungsplatz. Holzzäune aus aneinander genagelten, dicken Ästen umgaben ihn. Er wurde am häufigsten von jenen benutzt, die sich einer harten Nahkampfausbildung unterzogen, um später den Clan guten Gewissens verlassen und die Geschehnisse der Welt auskundschaften zu können. Wir waren nur wenige Schritte näher an dem Aufstieg, der in die ausgebreiteten, flachen Baumkronen führte, aber trotzdem bemerkte man zügig, dass etwas nicht in Ordnung war. Zwar erschien das Gerede in diesem Augenblick wie immer, durcheinander klingendes, teils jedoch ineinander verwobenes Sprechen, wenn sich die Stimmen verschiedener Elfen von der Klangfarbe und der Tonstärke gegenseitig annäherten. Wenige stießen sich wie zwei entgegengesetzt polarisierte Magnetfelder voneinander ab; ein überschaubares, flaches Tonfeld. Ich ging weiter. Doch mehr spürte ich als dass ich sie heraushörte, eine fest zupackende Anspannung. Sie brachte mich nicht aus der Ruhe, aber ich blieb zunächst wie angewurzelt vor dem Aufstieg stehen und musterte das hohle Innere des Baumstammes, in dem die stabile Leiter verankert war, gut 30 Schritte hoch. Skepsis hatte mich hinterrücks gepackt. "Komisch. Aus irgendeinem Grund sind die anderen aufgebracht", murmelte ich Malves zu. "Etwas stimmt nicht. Am besten fragen wir direkt nach.." Ich drehte meinen Kopf zu ihm, musterte ihn recht eindringlich, aber weder misstrauisch noch warnend geschweige denn feindselig. Eher fragend. Ich war mir nicht ganz sicher, wie schwer seine Rüstung war. Wir waren in der Siedlung über Dächer geklettert, aber die Leiter führte in dreifacher, wenn nicht vierfacher Höhe nach oben. Auch wenn ich glaubte zu wissen, dass er dem gewachsen war, erlaubte ich mir die Nachfrage, wenn auch vorerst nur aus Höflichkeit: "Was meinst du? Wird die Rüstung dir weiter oben nicht zum Hindernis?"

Tilia Malves

Der zweite kulturelle Schock folgte direkt auf den ersten. Schon zum zweiten Mal heute betrat ich einen Ort, der völlig anders war als zu Hause. Die Stadt aus der wir kamen war chaotisch, laut, unübersichtlich, aber trotzdem hatte ich mich dort willkommener gefühlt als hier. Man hatte mich dort respektiert, mich und die Mitglieder meines Volkes, vielleicht zu einem Teil auch aus Furcht? Hier fühlte ich mich angreifbar. Sie waren deutlich in der Überzahl, ich war allein, dies war ihr Terrain, ich war fremd und ganz offenbar war ich mehr als unerwünscht. Und zu meinem Unbehagen stellte ich fest, dass man hier Waffen offen zur Schau stellte. Durch mein Visier erblickte ich Rüstungen, an denen gerade gearbeitet wurde, Schwerter, die auf Benutzung warteten, Bögen lehnten in einem Ständer. Abgesehen davon war es aber sehr hübsch hier. Der Ort stimmte mit meiner Vorstellung überein, alles war an den natürlichen Gegebenheiten des Ortes hier angepasst, viel Holz war verarbeite und insgesamt war es sehr grün hier. Auch war manches direkt in die Bäume hineingebaut, was mich sehr faszinierte, doch war dies nicht der Zeitpunkt um den Ort genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich bemerkte Augen auf mir, viele Augen, ohne dass ich gesehen hätte, wie sie mich anstarrten. Ich hörte ihr Getuschel. Wenn sie dachten, ich könne sie nicht sehen, musterten sie mich unverhohlen. Ich hörte Lovelian leise etwas sagen. Tatsächlich, seine Leute waren nicht so gut gelaunt? Wäre mir gar nicht aufgefallen, interessante Erkenntnis. "Ich kann mir auch vorstellen, warum...", murmelte ich ihm zu. Da mussten wir gar nicht fragen, es lag doch sicherlich an mir! Sie wünschten keine Eindringlinge in ihrem Reich. "Um mich musst du dir keine Sorgen machen, würde die Rüstung mich behindern, würde ich sie doch nicht tragen, oder?", gab ich zurück, schob mich an ihm vorbei und begann den Aufstieg.

Lovelian Aranath

"Nun ja, ich kann natürlich nicht mit absoluter Gewissheit dafür sprechen, aber du hattest den Eindruck gemacht, als sei dir dieses Gebiet des Landes nicht ganz so geläufig", entgegnete ich, unterschwellig enttäuscht über seinen problemlosen Aufstieg, nachdem er mit solch einer Überzeugung und Selbstbeherrschung die ersten Holme erklommen hatte. Wenn auch nicht ernsthaft enttäuscht, trotz seiner schroffen Reaktion. Hatte ich ihn möglicherweise verärgert oder war er angespannt, da er doch gleich erneut in einer Menge unbekannter Leute schwamm, selbst wenn wir nicht so viele waren wie unsere ferneren "Nachbarn", die Menschen? Letzterer Gedanken wischte die Belustigung aus meinem Gesicht und schlug Wurzeln tiefen Bedenkens in mir. Was hatte er noch über sein Volk erzählt? Ihm war es nicht erlaubt, Fremden die Gelegenheit zu bieten, mehr über sie zu erfahren. Wieder grübelte ich, denn so eine Einstellung spross nicht aus dem Nichts, ganz offensichtlich eine gerichtete Kraft, wie eine Gerade. Nur in welche Richtung genau? Die Stimmen waren längst deutlich zu verstehen, der Klang nicht länger über die Distanz manipuliert. Hinter Malves stemmte ich mich auf das hölzerne kreisförmige Fundament und richtete mich auf. Es dauerte keine Sekunde bis man Notiz von uns nahm, wenn nicht schon Minuten vorher, doch nun gelang es den gefühlt dreißig Augenpaaren in unmittelbarer Nähe, uns von oben bis unten zu mustern. Ich selbst kam mir für eine Sekunde vor wie eine ungenügend erforschte Seltenheit und erkannte die Unsicherheit des Clans darin; ich war mir nicht sicher, ob ich mir ausmalen konnte, wie es für Malves war. "Lovelian? Du bist zurück. Wo ist Meister Malion?" Sindris, ein hochgewachsener Elf mit schwarzbraunem Haar und tiefliegenden, gelb-orangen Augen, ein Jahrzehnt älter als ich und ein bisweilen erfolgloser Jäger - da er leider gelegentlich recht kopflos durch die Weltgeschichte spazierte und er der Tierwelt in Sachen Sinnesschärfe nicht annähernd gewachsen war - erhob als Erster das Wort entgegen des leisen Gemurmels, das trotz aufmerksamer Ohren nicht gänzlich verstummte. "Und wen hast du da mitgebracht? Ist er aus der Menschensiedlung? Einer der ...Wachen dort?" Wie auch ich war Sindris noch nie weit in die unbedeckte Welt vorgedrungen. Dennoch mochte er in der Lage sein, Rüstungstypen einem bestimmten Zweck zuzuordnen und diese waren in der Regel der Wiedererkennungswert einer Einheit und der Eindruck, der mit ihrem Erscheinungsbild erreicht wurde. Aber er zögerte auch bei dieser Vermutung und ich war mir inzwischen darüber im Klaren, warum er dies tat. Da war etwas an dieser Rüstung, mochten es die Gravuren oder allein der ungewöhnliche Schimmer des Metalls sein, dass uns unbewusst zuflüsterte: "Nein, kein Mensch." Obwohl wir relativ Kontakt zur Außenwelt hatten und viele von uns ihr Leben in Abgeschiedenheit von anderen Kulturen verbrachten, war es üblich, ein mehr oder weniger akkurates Menschenbild zu haben, da wir viel über am weitesten verbreitete Art in unseren Büchern stehen hatten. Aber niemand von denen, die Malves beäugten, war in der Lage zu einem Schluss zu kommen. Nicht, weil sie ihn in alle möglichen Kategorien hätten einordnen können, sondern weil es keine Kategorie gab, in die der Krieger hineinpasste. Ein Fremder, aber welche Art von fremd? Es überraschte mich keinesfalls, dass alle Jüngeren genauso ratlos, argwöhnisch und fasziniert wie ich zu Beginn schienen. "Nein, keine Wache. Nichts dergleichen, soweit ich weiß. Ein.. temporärer Begleiter", antwortete ich Sindris, der zwar die Augenbrauen misstrauisch zusammenzog, aber sich keine spitze Bemerkung erlaubte. Doch dann schlug die Stimmung abermals in eine andere Richtung und ich spürte, was ich bereits bei unserer Ankunft gespürt hatte. Die Trance, in die die Anwesenden aufgrund ihrer ehrlichen Verwunderung über den Krieger versetzt wurden, schwand schnell und in Anspannung legten sie die Ohrspitzen nah an den Kopf und runzelten tief die Stirn. "Nun, ich nehme an, du wirst uns bei Gelegenheit vorstellen", sagte der Dunkelhaarige weiterhin zögerlich. Ganz offensichtlich hielt ihn etwas davon ab, in direkter Haltung mit mir zu sprechen. "Es ist nur, wie du siehst... es ist ein merkwürdiger Zeitpunkt, Besuch von jemandem zu haben." Nun richtete er sich explizit an Malves.

"Wie ist Euer Name, guter Mann? Ihr lebt also nicht in der nächsten Siedlung? Seid ihr Reisender? "

Tilia Malves

Der Aufstieg war.... unangenehm. Und es lag nicht nur an der Rüstung. Gut, es lag zu einem großen Teil an dieser bescheuerten Rüstung, zu einem wirklich großen Teil, daran, dass sie mich kontinuierlich nach unten zog und meinen Bewegungsfreiraum einschränkte, daran, dass sie bei jeder Bewegung ein metallisches Klingen von sich gab. Aber nicht ausschließlich. Der Aufstieg war nicht lang, es waren nicht viele Meter, doch trotzdem kam es mir nahezu endlos vor. Dieser Rüstung sollte mich schützen, doch seit ich sie trug, hatte ich das Gefühl, sie würde mich bloßstellen. Sie unterstrich meine Andersartigkeit, machte auf mich aufmerksam und war nicht gerade die Grundlage einer Vertrauensbasis und dies galt in beide Richtungen. Zeigte sie nicht, dass ich dem mir entgegengebrachten "Frieden" nicht traute und schüchterte sie nicht gleichzeitig ein? Wieso hatten wir nicht etwas weniger auffälliges... oder warum trug hier niemand sonst eine? Nicht mal die Rüstung der Wache in der Menschenwache war so umfassend gepanzert gewesen wie ich hier... Ich erreichte als erste wieder festen Boden und trat auf die freie Fläche heraus. Sofort wiederholte sich, was ich bereits den ganzen Tag erlebte. Augen die sich auf mich richteten, versuchten mich einzuschätzen, die Gefahr einzuschätzen, die möglicherweise von mir ausging, ebenso wie sie versuchten, meine Herkunft und Zugehörigkeit zu irgendwelchen Gruppen zu ermitteln. Wieder gelang es ihnen ganz offensichtlich nicht, was sie nur noch argwöhnischer werden ließ. Und nun traute sich tatsächlich auch einmal jemand, uns direkt anzusprechen. Ich überließ Lovelian das Sprechen, er wusste besser mit seinesgleichen umzugehen als ich und je weniger ich sagte, desto weniger falsches konnte ich sagen, was auch bedeutete, dass es weniger gab, durch das ich mich hätte verraten können. Während mein Begleiter also die Führung übernahm, studierte ich unser Gegenüber. Es konnte eine subjektive Abneigung sein, doch meistens ist der erste Eindruck nicht völlig aus der Luft gerissen. Dieser Mann war mir unsympathisch vom ersten Moment an. Er sprach höflich mit uns, oder besser, über mich, aber dennoch gab es irgendwas an ihm, dass mir nicht behagte. Ich hätte denken können, dass es einfach daran lag, dass er einer anderen Rasse angehörte, doch hatte ich dieses Gefühl nicht bei Lovelian gehabt, nicht einen Moment lang. Dies konnte allerdings auch daran liegen, dass er mich doch tatsächlich mit einem dieser verabscheuungswürdigen Kerle der Stadtwache verglich. Was fiel diesem Elf eigentlich ein? Diese Rüstung gehörte zu einem edlen Krieger, nicht zu einem hinterlistigen Mörder! Doch ich musste mich beherrschen, wie so oft. Doch dies war tatsächlich ein ungünstiger Moment für Feindschaften jedweder Art. "Malves lautet mein Name und ich bin in der Tat ein Reisender. Nur haben sich derzeit Komplikationen aufgetan, die nicht vorhersehbar waren. Könntet Ihr mich... uns also bitte schnellstmöglich zu Euren Ältesten bringen?" Ich kam schnell auf den Punkt, doch wollte auch nur sehr ungern weiter mit dieser Gestalt reden, zudem sah er nicht aus, als könnte er uns in irgendeiner Form sinnvoll behilflich sein.

Lovelian Aranath

Malves ließ keine langen Reden anklingen und redete nicht viel um den heißen Brei. Etwas an dieser direkten Art wusste ich zu schätzen und ich nickte bejahend. Es kam gelegen, dass wir uns nicht zu lang mit Formalitäten aufhielten, auch wenn diese bei uns die Regel waren. Sindris hingegen, so erkannte man an einem zunächst unscheinbaren, aber durchaus gewollten Wechsel von offengelegten Empfindungen in seinem stechenden, eindringlichen, orangegoldenen Blick, gefiel nichts von alledem. Er war ungewohnt gereizt, so glaubte ich zu erkennen. Er rümpfte die Nase und hob minimal das Kinn, als er Malves weiterhin musterte. Aber noch immer behielt er das, was ihm auf der Zunge lag, für sich, wenn nicht zuletzt, um nicht später von den anderen Mitgliedern für widerspenstiges, unüberlegtes Verhalten getadelt zu werden. Oder gar einen Konflikt mit dem Krieger aus unbekanntem Lande anzufangen, auch wenn es beiden Seiten vermutlich an Motivation fehlte, diese Flamme weiter zu schüren. Er, Sindris, war ein Elf, der Risiken nicht aus dem Weg ging, und manchmal auch ein größeres Kind als Nerin. Aber meistens kannte er die Grenzen. "Nun, unser Clanoberste möchte sicher schnell von Eurer Anwesenheit erfahren, Malves. Auch wenn ich nicht weiß, ob er zur Zeit beschäftigt ist", fuhr Sindris mit gehobener Stimme fort. "Denn gerade ist kein guter Zeitpunkt, um ehrlich zu sein. Lovelian, es gibt schlechte Neuigkeiten. Wir hatten bereits eine kurzfristige Versammlung, aber so wie die Ältesten sich verhalten haben, werden noch weitere folgen. Wir.." Und nun senkte er das erste Mal sein Haupt und der sonst so intensive Blick driftete verloren nach unten. "Wir haben vor Kurzem die Nachricht erhalten, dass die Sicherung der äußersten Bezirke gefährdet ist. Der Kontakt zu unseren Spähern ist abgebrochen. Erst eben erhielten wir die Nachricht von Larus. Viele von ihnen leben nicht mehr. Jemand oder etwas hat gezielt angegriffen. Es ist sehr beunruhigend. Aber Ihr habt vermutlich Recht. Meister Uricas kann Euch am besten weiterhelfen. In Eurer wie auch in dieser Angelegenheit. Er ist in seiner Heimstätte." Dankbar über seine Vernunft nickte ich ihm abermals zu und bedeutete Malves, mir zu folgen. Wir gingen über die Plattforn hinweg geradeaus zur nächsten Verbindungsbrücke. Die meisten ihrer Art waren breitgewachsene, stabile Äste, die auf natürliche Art und Weise in die Baumkronen ihrer Nachbarn gewachsen waren. In einigen Fällen miteinander verschlungen, doch für gewöhnlich einfach sehr dicht aneinander, war es ein Leichtes, mit wenigen Materialien akzeptable Übergänge zu erschaffen. In besonders alten Orten der Niederlassung waren kunstvoll gestaltete Holzarbeiten keine Seltenheit. Leider fehlte die Zeit für solche Nebensächlichkeiten. Auch ich war beunruhigt wegen dem, was Sindris erzählt hatte. Die meisten jungen Elfen von eben wirkten betroffen. Dennoch, während wir an ihnen vorbeizogen, hatten sich einige bereits ihrer üblichen Tätigkeiten zugewandt, während andere noch ganz leise tuschelten, ohne Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Besonders waren es die jüngeren Mädchen. Das war einfach ihre Art. Ich konnte mir vorstellen, dass sie Malves Löcher in den Rücken starrten. Vielleicht war es seine exotische Aura. Wir überquerten eine weitere Brücke und bewegten uns so von dem Zentrum weg, auf den nördlichsten Baumriesen zu.

Meister Uricas hatte uns den Rücken zugedreht. Es erinnerte mich an heute Morgen, als Malion mit mir hierhergekommen war. Es kam mir vor, als sei es bereits ein halbes Leben her. Nun stand er an einen seiner großen Bücherschränke, aber sein Blick wanderte daran vorbei, in die Ferne. "Meister Uricas?" Der Älteste richtete seinen Körper zu uns aus, der trotz seines Alters, gesund wie der eines Mannes wirkte, der nur die Hälfte der Zeit beide Füße im Leben hatte. Auch machte er einen stärkeren Eindruck als die meisten, auch wenn dies wohl vor allem dem grau-weißem Fellumhang zu verdanken war, der schwer und anmutig auf seinen Schultern lag und seine dagegen schlichte schwarze Kleidung aus Leinen teils bedeckte. Ebenso stolz trug er das aus Holz geschnitzte Symbol von Hal an einer Kette um seinen Hals, an seinen Händen trug er weitere Schmuckstücke aus demselben Material, welche im Vergleich jedoch nicht mehr als einfache Ringe aus Birkenholz waren. Sein Stab lehnte an dem dunklen massivem Holztisch, der viele Bücher tragen musste. Es erinnerte mich wieder daran, dass ich meinen Stab nicht bei mir trug. "Ah, Lovelian. Wie ich sehe bist du ohne deinen Lehrmeister zurückgekehrt. Hast du dich im Menschengewühl verlaufen? Oder ist etwas Schlimmeres passiert?" Er berührte sein Kinn mit einer Hand. Nichts in seinem Ausdruck hatte wirklich Dynamik. Auch er musterte uns beide lange und eindringlich. Zuerst mich, aber letztendlich besonders Malves. Und als er ihn so anschaute, tat sich doch etwas in der stoischen Mimik. Es war, als ginge ihm ein kleines Licht im Inneren seines Geistes auf. "Sehr ungewöhnlich", sagte er und sprach dabei allein zu dem Krieger.

Tilia Malves

Ich war froh, dass er das Gespräch über meine Person und meine Herkunft nicht weiter fortsetzen wollen. Dies kam mir sehr gelegen und ließ mich ein wenig entspannen. Leider hielt dieser Zustand nur für einen sehr kurzen Zeitraum an, denn was dieser Elf nun sagte, beunruhigte mich mehr als zuvor. Und ich konnte nur erahnen, was gerade in Lovelian vorgehen musste. In seiner Abwesenheit war etwas schlimmes passiert, dass musste ihn sehr aufwühlen. Kannte er vielleicht jemanden, der bei diesem Angriff verletzt worden sein könnte? Ich spähte zu ihm hinüber um irgendwas aus seiner Mimik deuten zu können, doch fiel es mir schwer. Er blieb verblüffend ruhig. Natürlich, ich sah ihm Besorgnis an, aber nicht in dem Maße, in dem es vielleicht angemessen gewesen wäre. Selbst ich machte mir Sorgen um sein Volk und ich war nicht mal ein Teil davon. Ich war hier nicht aufgewachsen, er schon! Wie musste es für sie alle sein? Aber nun war zumindest geklärt, warum es sich hierbei um einen schlechten Augenblick handelte. Vielleicht waren die Leute deswegen auch so misstrauisch mir gegenüber. Allerdings konnte ich mich selbst nicht ganz davon überzeugen. Schweigend folgte ich Lovelian zu diesem Meister Uricas, gespannt, was mich erwarten würde, doch war die Stimmung erkaltet, zumindest fühlte ich es so. Ich traute nicht, ihn anzusprechen und verlegte mich stattdessen darauf, die Schönheit dieses Ortes zu betrachten. Die Schnitzereien und Holzverzierungen waren schön, sehr schön, doch konnte ich sie gerade nicht in einem angemessenen Maße wertschätzen, nicht in dem Maße, in dem diese Kunst es verdient hatte, denn das es sich hierbei um Kunst handelte, war mir sofort bewusst. Wohin wir jetzt gingen wusste ich nicht genau, aber ich konnte fühlen, dass es diesen Ort schon länger geben musste, dass er eine Bedeutung hatte und mit einer Tradition behaftet war. Doch war es mir einfach nicht möglich, mir alles genau anzusehen. Natürlich hatten wir jetzt eh keine Zeit dafür, dennoch schien es mir, als wäre es falsch sich jetzt an derlei Kleinigkeiten zu erfreuen. Ich beschränkte mich also darauf, stur geradeaus zu laufen und Lovelian zu betrachten, solange bis wir unser Ziel erreicht hatten. Wir sahen uns einem anderen Elfen gegenüber, eine stattlichen Meister in einem seinem Rang angemessenen Gewand (oder zumindest vermutete ich das). Es lag eine gewisse Eleganz in seinem Auftreten, er strahlte Autorität und macht aus, ich konnte dies fast physisch wahrnehmen. Seine Blick ruhte einen Moment auf Lovelian, wanderte dann weiter zu mir. Seine Augen weiteten sich. "In vielerlei Hinsicht.", gab ich ihm zurück. Was meinte er damit? Meine Rüstung? Mich? Den Zauber? Wie viel wusste er? Wie viel konnte er sehen oder wahrnehmen? Leicht verunsichert blieb ich stehen und wartete auf weitere Erklärungen.

Lovelian Aranath

Während sich Malves und Meister Uricas einander aufmerksam musterten, pendelten meine Augen rastlos von dem einen Mann zum anderen, ehe sie letztlich auch auf dem Krieger ruhen blieben. Ich hatte den Kopf schief gelegt, war es doch absolut außerhalb meines Wissens, ob der Meister über Informationen bezüglich des Kriegers und seiner mir unbekannten Herkunft verfügte oder ob er sich zu dieser schleierhaften Bemerkung hinreißen ließ, weil ich scheinbar wie aus dem Nichts einen Fremden herbrachte, als wäre er einer meiner Funde aus den Ruinen unserer Vorfahren, die ich gelegentlich dem Archivar oder anderen Gelehrten präsentierte. Etwas in seiner Haltung sagte mir jedoch sofort, dass Letzteres nicht der Fall sein konnte. Zu starr hatte sich sein Geist auf Malves fixiert. Zu groß schien die Ernsthaftigkeit, in der er seine Augenbrauen zusammenzog und in der die Falten tiefere Furchen in sein Gesicht zogen als üblicherweise. Aber trotz dieser Strenge verblieb keine Spur einer noch so subtilen Feindseligkeit. Nicht einmal Misstrauen schien seinen Verstand wirklich zu plagen, wie es bei den Jüngeren gewesen war. "Diese Rüstung", setzte Meister Uricas nach einen Moment der Stille an und neigte gedankenverloren sein Haupt, "ich erinnere mich an sie. Es ist ewig her, seit ich etwas Ähnliches das letzte Mal zu Gesicht bekam. Seit Langem scheint Euer Volk schließlich wie vom Erdboden verschluckt zu sein, zumindest größtenteils. Nun, Ihr werdet ein Anliegen haben und ich möchte Euch nicht lange aufhalten. Dennoch muss ich mich zuvor erkundigen: Wie kommt es, dass Ihr mit Lovelian reist?"

Tilia Malves

"Ihr liegt richtig mit eurer Einschätzung, Meister Uricas.", ich war erleichtert, dass mir der Name dieses Mannes wieder eingefallen war. Er wusste also zumindest zu welchem Volk ich gehörte. Er kannte Teile unserer Geschichte, er hatte selbst bereits mit meinem Volk Kontakt gehabt. Und dennoch reagierte er so ruhig. Ich war ihm unglaublich dankbar dafür. Auch wenn es mich im gleichen Maße überraschte. Es passte irgendwie nicht zu dem, was man uns früh gelehrt hatte. Hieß es nicht immer, Lyrenkrieger seien gefürchtet und unser Volk verhasst? War er eine Ausnahme oder war es einfach falsch, was man uns über Jahre hinweg versucht hat glauben zu machen? Langsam bekam ich tatsächliche Zweifel an unserer Bildung... Stimmte überhaupt etwas? Doch war ich hier um eben dies zu überprüfen, oder nicht? Hatte ich nicht die Heimat verlassen, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, wie die Welt wirklich war? Und hier stand ich nun. "Ihr liegt richtig, was mein Volk betrifft. Wir halten uns verdeckt. Wir wahren den Schein. Wir sind aber noch immer da." Ich wusste nicht genau, wie viel ich ihm sagen sollte, wie vertrauenswürdig er war. Doch ich hatte Respekt vor ihm. "Es begab sich, dass Lovelian und ich mit den gleichen Subjekten in Konflikt gerieten und veranlasst waren, die Stadt auf dem schnellsten Wege zu verlassen. Darauf hin gab es einen weiteren Zwischenfall mit einem... Magier, so vermute ich zumindest, und durch einen seiner Zauber sind wir nun nicht mehr in der Lage, uns voneinander zu lösen, weshalb wir gekommen sind um Eure Hilfe zu ersuchen." Das war eine gekürzte Fassung, zugegebenermaßen, aber wenn er nähere Auskünfte benötigte, hatte er ja die Möglichkeit nachzufragen.

Lovelian Aranath

"Nun, das ist eine positive Nachricht", murmelte Meister Uricas grüblerisch in seine Hand, deren Finger regelmäßig in einer unscheinbar verlorenen Geste über sein Kinn hinweg streiften. Doch weder Malves noch er führten das Gespräch über das besagte Volk in weiteren Details aus. Verwunderlich, diese Zurückhaltung, die Oberfläche dieses Mysteriums auch nur anzukratzen, auch von unserem Clanältesten. Nicht nur die Tatsache, dass er Bescheid wusste spielte dabei eine Rolle, so hatte ich den Eindruck, sondern auch ein gutes Maß an Höflichkeit und Diskretion gegenüber Malves' Person, seinen Artgenossen und der geteilten Herkunft. Womöglich ein gravierendes Ereignis in der Historie dieser Leute veranlasste Malves zu schweigen und Uricas einen leichten Bogen um das Thema zu machen. Natürlich, ich konnte recherchieren, wenn es mir denn so wichtig war, aber ohne Anhaltspunkt konnte ich das gesamte Archivar abklappern und am Ende feststellen, dass ich nicht weniger vage Vermutungen anstellen konnte als zum jetzigen Zeitpunkt. Warum brannte der Wunsch zu erforschen heute so sehr unter meinen Nägeln? Absolut nervenaufreibend, wenn ich bedachte, wie viele weitere Themen mich außerdem noch beschäftigten. Während Malves sich kurz fasste nickte ich Satz für Satz ab, während ich das Geschehene in Bildern nochmals vor Augen verfolgte. Kurz nahm ich Notiz von dem eindringlichen Blick des Meisters, doch als eine Reaktion meinerseits ausblieb, wandte er sich erneut an den Mann in der Rüstung. "Ihr sagtet, Ihr seid mit denselben Leuten aneinandergeraten? Ich nehme stark an, Ihr sprecht von Menschen. Ist das richtig? Sofern ich das beurteilen kann, vermute ich, dass es sich nicht um eine eine Gruppe von Schlägern oder anderen Angehörigen des gemeinen Volkes handelt. Könnt Ihr mir beschreiben, wie sie vor euch beiden auftraten?"

Tilia Malves

Hatte mein Begleiter nun eigentlich vor, gar nichts mehr zu sagen? Hatte das irgendeinen speziellen Grund? War das ein Zeichen von Ehrfurcht oder ruhte er sich einfach darauf aus, dass ich eh alles beantworten würde? Es wäre mir deutlich angenehmer, wenn er auch etwas aktiver in diesem Gespräch sein würde. Es wäre falsch zu sagen, dass es mir unangenehm wäre, mit diesem Elf zu sprechen, ganz im Gegenteil. Er wahrte Diskretion und dafür war ich ihm mehr als dankbar. Ich entspannte mich auch ein wenig in seiner Gegenwart. Er kannte mein Volk und er blieb ruhig. Nicht einmal Lovelian gegenüber erwähnte er etwas. Dafür war ich ihm dankbar. Ich sah in ihm keine Bedrohung, zumindest jetzt noch nicht. Allerdings verließ ich mich noch nicht darauf. "In der Tat, es waren Menschen. Die Streitlust liegt offenbar tatsächlich in ihrem Naturell. Aber davor wurde ich ja gewarnt.", sagte ich und zuckte mit den Schultern, was ein leises metallenes Schaben verursachte. Ich musste endlich dieses verdammte Ding loswerden. "Sie beschuldigten uns aufgrund unserer Herkunft Straftaten zu begehen. Es hat sich ein kleiner Tumult gebildet, doch es gelang uns die Flucht zu ergreifen. Leider wurden wir verfolgt und mussten uns deshalb ein wenig beeilen. Doch wir haben es mehr oder weniger heile überstanden. Nur ist da jetzt dieser... Zauber, der es uns unmöglich macht, uns voneinander zu trennen. Der Name dieser Person war übrigens.. der Händler. Zumindest hat er sich uns auf diese Weise vorgestellt." Etwas unsicher sah ich zu Lovelian hinüber. Ich hatte mit Absicht hinausgelassen, dass ich mit ihm zusammengeprallt war und ihm eigentlich nur deshalb auf dem Markt beigestanden hatte. Was wäre wohl passiert, hätte ich mich anders entschieden? Vermutlich wäre ich dann wohl schon längst daheim. Hatte wohl jemand meine Abwesenheit bemerkt? Und wenn ja, was würden sie tun? Konnten sie sich wohl vorstellen, wo ich hingegangen war? Aber zumindest hier würden sie mich nicht so schnell finde. Andererseits war ich mir nicht sicher, ob das etwas gutes war. "Vielleicht sollte ich noch anmerken, dass diese Rüstung normalerweise resistent gegen Bannsprüche sein sollte. Es muss also ein etwas mächtigerer Zauber gewesen sein, wenn er diesen Schutz gebrochen hat. " Oder ich war einfach angreifbarer gewesen, weil Lovelian keine Panzerung trug... "Könnt ihr uns bitte helfen, diesen Spruch zu brechen?"

Lovelian Aranath

Mit jeder Sekunde, die Malves sprach und der Meister nicht einmal die Andeutung eines bestätigenden Nickens tat, wuchs in mir die Befürchtung, dass nicht einmal er, eine schnelle Lösung für dieses Problem parat hatte. Seine Mimik hellte nicht auf, als er den Namen dieses Magiebegabten erfuhr, seine Augen verharrten starr auf einem Punkt im Raum, den man nicht so recht bestimmen konnte, nachdem Malves ihn im eigenen wie auch in meinem Namen um Hilfe gebeten hatte.
Ich musste mir eingestehen, dass ich das mulmige Gefühl im Magen nicht leugnen konnte, denn in meinem Clan gab es nahezu niemand anderen, dem ich zutraute, mehr auf ungewöhnliche der seltene Fälle der Magiewirkung spezialisiert zu sein, als der Älteste, wobei ich es selbstverständlich nicht von vornherein ausschloss.
Eine sanfte Brise verfing sich in meiner Kleidung und meinen Haaren, gewann an Kraft und zog mir die Kapuze vom Kopf , als ich, ohne bewusst davon Kenntnis zu nehmen, kleine Runden zog, nicht zu weit weg von dem Krieger, um nicht ein zweites Mal fatal auf die Nase zu fallen.
"Der Händler, sagtet Ihr? Ich kann mir unter den Namen keine Person vorstellen. Ich fürchte, ich habe zumindest niemanden getroffen, der sich mir jemals mit diesen Namen vorgestellt hat." Er hob dann seine Hand an und spreizte die Finger von der Handfläche weg, als versuche er nach einem Objekt in der Luft zu greifen. Doch der Zweck lag nur darin, Malves und mich zu bitten, eine "Kostprobe" der Energieform, dieser fremden Aura, zu nehmen, die unsere Handgelenke am stärksten betraf.
"Was den Zauber betrifft.. ab gesehen von dem Fakt, dass ihr aneinandergekettet seid, hat sich euer Empfinden seitdem anderweitig verändert? Körperliche oder geistige Beschwerden?"

Tilia Malves

Ich beobachtete die Reaktion des Ältesten sehr genau, sowohl seine Mimik, als auch seine Gestik, doch was ich sah, ließ mich nicht sonderlich viel hoffen.
"Hätten Sie jemanden wie den Händler getroffen, wüssten sie es noch. Er hat ein... recht wiedererkennenswertes Erscheinungsbild...", murmelte ich. Nein, sicherlich konnte niemanden den Händler einfach so vergessen, nicht mit seinem Äußeren. Seine Klamotten könnte ich nicht vergessen und sein Gesicht! Moment... wie hatte sein Gesicht ausgesehen... ich hatte Probleme, es mir vorzustellen. Eigentlich wusste ich es doch! Wie konnte ich es jetzt schon wieder vergessen haben? Es war doch so....
Merkwürdig! In der Tat, dass war merkwürdig...
Dass Lovelian um uns herum schlich, machte mich wahnsinnig, doch was konnte ich groß dagegen tun? Ich wollte hier jetzt nichts falsches oder unhöfliches sagen.
Aus den Augenwinkeln sah ich die Geste, die der Älteste machte, war mir aber nicht sicher, ob ich sie ganz verstanden hatte? Sollten wir ihm den Spruch beweisen? Ich warf einen Blick zur Seite und in dem Moment, als Lovelian sich weit genug entfernt hatte, ruckte ich stark mit meinem Arm, um ihn ins Taumeln zu bringen. Aber um keine bösen Absichten erkennen zu lassen, drehte ich mich schnell wieder zum Meister, um seine Frage zu beantworten.
"Nein, abgesehen von diesem Phänomen merke ich keinerlei Beschwerden."

Lovelian Aranath

Ein Ruck schlug wie winziger Blitz in meinem Körper ein. Ein unerwarteter Rückstoß brachte mich ins Taumeln, als sei ich geradewegs gegen eine Wand gelaufen. "Bei den Ahnen..", fluchte ich mit dem nächsten Atemzug, gerade noch einmal kräftig mit den Armen rudernd, um mein Gleichgewicht zurückzuerlangen. Und dann drehte ich mich auf der Ferse zu Malves um, dessen Helm kurz in einem Sonnenstrahl aufblitzte, als er sich Uricas zügig wieder widmete. Ich blinzelte mehrere Male und mied bewusst das Gesicht des Meisters, denn ich hatte komischerweise das Gefühl, schlichtweg veralbert zu werden, und das nicht nur vo Krieger. Konnte es sein, dass ich hier unterschwellige Provokation erlebte? Doch als dann doch zu ihnen herüberschaute, fand ich keinerlei Anzeichen, dass diese Annahme stimmte. Auch wenn das Empfinden dadurch nicht verschwand. Ich räusperte mich, straffte die Schultern etwas und stellte mich demonstrativ dazu. Es war ja nicht so, dass ich nicht schon die ganze Zeit geistig dabei war, aber jetzt bestand sicherlich keinerlei Zweifel mehr daran. Malves tadelte ich mit einem sehr subtilen, aber dennoch empörten Gesichtsausdruck. "Und das Symptom, dass wir scheinbar den Puls des jeweils anderen spüren", fügte ich hinzu, aber wenn ich das richtig einschätzte, war dieses Detail auch kein springender Funke in den Augen des Meisters. Er starrte nur konzentriert auf seine Hand, die er nun zur lockeren Faust geballt hatte, als hielte er die Spuren der fremden Magie zwischen seinen Fingern. Nach einem langen Moment sah er uns beide für den Bruchteil einer Sekunde an, als sei er überrascht, dass wir hier waren. "Nun, ich muss euch sofort gestehen, ich beherrsche den Gegenzauber hierfür nicht. Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, die Struktur dieser Aura mit etwas zu vergleichen, das mir vertraut ist. Dementsprechend mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht elfisch, und Ihr sagtet, Eure Rüstung hätte Euch nicht geschützt.. aber ob es sich hierbei vielleicht um menschliche Magie handeln könnte...hm, Ihr sagtet, er habe sehr eigenartig ausgesehen. Aus meinen Standpunkt aus möchte ich nicht darüber urteilen, wie viel Ihr bereits von der Welt gesehen habt. Doch habt Ihr, oder du, Lovelian, eine Vermutung, welcher Spezies er angehörte?" Ich verschränkte die Arme vor der Brust und erinnerte mich zurück. Ich glaubte zumindest, er sah einen Menschen ähnlich, doch wenn ich so nachdachte, war es gar nicht so leicht zu beurteilen.Eigentlich hatte ich gar nicht viel von dem eigentlichen Mann gesehen. Er war voll behangen mit allen möglichen Kleidungsstücken gewesen. Ich startete einige Versuche, mich iN Detail an ihn zu erinnern, aber dann gab ich auf und schüttelte den Kopf. "Nun, Malves", murmelte ich, "ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Meinst du, er war ein Mensch?"

Tilia Malves

Unwillkürlich musste ich kurz ein wenig kichern, schaffte es jedoch, dies in einem Hüsteln zu verstecken. Falls wir noch länger aneinander hängen würden, wäre ich bereit, einige Versuche mit diesem Zauber anzustellen... Als sich Lovelian näherte, schaute ich demonstrativ weiter geradeaus zu meinem Gesprächspartner und mied es, den jungen Elfen direkt anzuschauen, auch wenn er das durch den Helm eh nicht gesehen hätte. Ich wollte nicht bei seinem Anblick die Beherrschung verlieren und laut loslachen, dass hätte meiner Wirkung als ehrenhaftem Krieg möglicherweise geschadet. Aber langsam fragte ich mich sowieso, wie lange ich dies noch würde aufrecht erhalten können. Der alte Elf hatte es vielleicht sogar jetzt schon durchschaut, oder zumindest zu einem Teil. Aber irgendwie wollte ich mich noch nicht vor Lovelian offenbaren. Woran lag das? Vielleicht, weil er mir dann auf eine andere Weise begegnen würde? Aber was machte das denn für einen Unterschied, was er von mir dachte? Lovelian bestätigte meine Annahme, dass wir in der Lage waren, den Herzschlag des anderen zu spüren. Na das konnte ja Heiter werden... ich würde mich wohl ein wenig zusammenreißen müssen... Dass der Meister uns jedoch nicht helfen konnte, erschreckte mich dann doch ein wenig. In meinem Unterbewusstsein hatte ich es wohl schon gewusste oder zumindest geahnt. Das hier war anders als alles, was ich je gefühlt hatte. Aber das es ihm tatsächlich unmöglich war...? Mich überkam für einen Moment die Frage, ob wir überhaupt wieder in der Lage sein würden, uns von einander zu trennen. Ich wollte doch nicht für den Rest meines Lebens an diesen Elf gebunden sein!? "Wäre er von meiner Spezies, wüsste ich das. Ich hätte es gesehen und gespürt. Seine Gestalt war den unsrigen und auch der euren ähnlich, also könnte es ein Mensch gewesen sein, aber da war etwas an ihm... etwas, dass... ich weiß auch nicht.", ich stockte einen Moment. Ich wusste es tatsächlich nicht. Je mehr ich versuchte mich auf sein Gesicht zu konzentrieren, desto schwerer fiel es mir. Wie hatte sein Gesicht ausgesehen? "Ich weiß es leider auch nicht. Vielleicht...", grübelte ich weiter.

Lovelian Aranath

"Also zu den Elevas..", kam ich dem Meister zuvor und schob die Hand unter meinen Umhang. Das schmale, fest aufgerollte Pergament an meinem Gürtel löste ich in einer einzigen flüchtigen Handbewegung; die ineinander gewundenen Lederschnüre ließen sich leicht entfesseln. Ich breitete die Karte, die ich vor Jahren von meinem Lehrmeister bekommen hatte, vor mir aus und suchte in der einfachen Zeichnung nach dem Kristallgebirge im Nordwestraum. Ich konnte nicht behaupten, dass ich vor Malves mit einer Vielzahl verewigter Wege prahlen konnte. Es war, ein bisschen zu meinem Leid, meine Aufgabe geworden, diese Detailwüste im Laufe der Jahre zu vervollständigen. Natürlich bestand auch die Möglichkeit, während meiner zukünftigen Reisen, sollten derartige Ereignisse in meinem Leben denn langsam mal eintreten, eine professionelle Karte zu erwerben. Aber das bedeutete in der Regel komische Arbeit für komische Leute, um ein klein wenig Währung zu ergattern, die schon in unzähligen Händen lag, die ich nicht kannte. "Hier sind wir..", ich tippte einmal, besonders für Malves, demonstrativ auf den nicht zu verwechselnden großflächigen Wald im Westen, "..und da ist das Gebirge..", fügte ich hinzu und mein Finger fuhr schlängelnd in eine vom Wald aus nordöstliche Richtung. Eine Haupthandelsstraße führte in einem ausgedehnten Bogen tatsächlich durch die Graubrache, aber sie berührte nicht das tiefere Land, als scheue man den weiteren Kontakt mit dieser Umgebung. Es war ein ungemütliches, trockenes Hügelland mit einer nicht enden wollenden Menge an Geröll, gleichgültig wie viel für den Bau von Straßen, Häusern, Marktplätzen abtransportiert wurde. Viel hatte das Land meines Wissens auch sonst nicht zu bieten. Der rissige Boden verwehrte höheren Pflanzenformen jegliche Art von Existenz; er konnte die Feuchtigkeit nicht wahren, die von gelegentlichen Schauern der tiefhängenden Wolkendecke ermöglicht wurde. Es sickerte tief hinab und verschwand scheinbar im Nichts. Hier und da fand man eigenartige Gräser, hatte Malion erzählt, hohe, vereinzelte Büsche, aber keine Wiese, praktisch kein nennenswertes Grün. Der Wind machte sich durch starke, beißende Böen bemerkbar und trieb einem die Tränen in die Augen. Es war sehr ersichtlich, versicherte der Lehrmeister, wie sie zu ihrem Namen gekommen war. "Ich bin bisher leider nicht viel rum gekommen, also erwarte nicht, dass ich den Weg in- und auswendig kenne..", informierte ich den Krieger vorsorglich. Meister Uricas runzelte nur die Stirn. Er schlenderte ohne ein Wort zu seinem voll gestellten Schreibtisch und öffnete diverse Schubladen. Hatte er womöglich eine Karte, die er entbehren konnte? Ich blickte Malves an. "Hast du eine Karte zur Hand?"

Tilia Malves

Interessiert folgte ich Lovelians Finger, während er über die Karte fuhr, obwohl ich bezweifelte, ob dies überhaupt eine richtige Karte war. An vielen Stellen war sie schlichtweg leer. Das sah ja wirklich vielversprechend aus. Das Wort "Brache", rührte ein gewisses Unbehagen in mir. Es klang so unglaublich trostlos und lebensfeindlich. Und garantiert nicht nach einem Ort, den ich gerne besuchen würde. Das Gebirge... ich hatte tatsächlich noch nie eines gesehen, es sei denn man zählte die unterirdischen Berge meiner Heimat dazu, aber es würde sicherlich einen Unterschied machen, ob man einfach an ihnen empor schwamm, oder sie tatsächlich durch- oder überquerte. Mussten wir wohl tief in sie vordringen. Ob ich eine Karte hatte? Natürlich nicht! Was erwartete er denn von mir? Na gut, vermutlich deutlich mehr, als er tatsächlich vor sich hatte. Schließlich konnte er ja auch nichts sehen. Eine Karte... wozu hätte ich denn eine Karte gebrauchen können? Und woher hätte ich sie nehmen sollen? Die einzige Karte, die ich bisher gesehen hatte, waren die Karten meiner Heimwelt. ich wusste zwar, dass im alten Ratsgebäude auch eine Weltkarte hing, doch hatte das normale Volk hier keinen Zugang, also hatte ich noch nie einen Blick darauf werfen können. "Nein, ich fürchte, damit kann ich heut leider nicht dienen. Der Weg, den ihr gezeigt habt, ist dies auch sicher der schnellste Weg? Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, doch über eine baldige Trennung wäre ich dennoch nicht unglücklich." Das stimmte, war aber nicht der Hauptgrund. Eigentlich fing nur die Rüstung langsam an schwer zu werden und gegen ein Bad hätte ich auch nichts einzuwenden gehabt. Oder eine Dusche. Oder etwas zu trinken. Oder überhaupt irgendwelche Flüssigkeit. "Wie lange werden wir voraussichtlich brauchen?"